Hermann Urbanek, Space View

DARK LADIES II

Hermann Urbanek, Space View

Alisha Bionda (Hrsg.)
DARK LADIES 1
Fabylon Verlag, Markt Rettenbach 2009, 237 Seiten, € 12,00
DARK LADIES 2
Fabylon Verlag, Markt Rettenbach 2009, 255 Seiten, € 13,00

Die Phantastik hat in den letzten Jahren enorme Erfolge erzielt. Sie ist von einem Genre, deren Freunde und Leser oftmals von ihrer Umgebung belächelt wurden, zu einer anerkannten Literaturgattung geworden und hat sich multimedial in der Gesellschaft etabliert. Phantastische Romane stehen immer wieder an den Spitzen der Bestsellerlisten, phantastische Filme sind, von einigen wenigen Ausnahmen mal abgesehen, zumeist Kassenschlager. Doch diese Breitenwirkung, die die phantastische Literatur heutzutage erzielt, hat auch ihren Preis. So sind die einschlägigen Verlage dazu übergegangen, hauptsächlich Romanzyklen, Serien und Mehrteiler zu veröffentlichen, und dabei blieben die kürzeren Texte, also die Storys, Erzählungen und Novellen und mit ihnen die Magazine, Kurzgeschichtensammlungen und Anthologien auf der Strecke. Und das speziell, wenn es sich um deutsche Autoren handelt.

Besonders die Anthologien verzeichneten in den letzten Jahren drastische Rückgänge. So erschienen im Jahr 2008, wie im neuesten „SF-Jahr“ des Heyne Verlags zu ersehen ist, nur mehr 51 Titel mit Geschichten von mehreren Autoren, 1999 waren es noch 91, aber bei signifikant weniger Veröffentlichungen überhaupt. Dass es überhaupt noch so viele sind, das ist den vielen heutzutage tätigen Klein- und Spezialverlagen zu verdanken, die sich bemühen, die kurze Form zu fördern, und engagierten Herausgebern, die es immer wieder schaffen, bekannte Autoren und talentierte Newcomer für ihre Ideen zu begeistern und ihre aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus entstandenen Beitrage zu einem qualitativ hoch stehenden Ganzen zu vereinigen, das dem Leser die mannigfachen Aspekte, die das dem Band zugrunde liegende Thema eröffnet.

Alisha Bionda zählt, wie auch Helmuth W. Mommers und das Herausgeber-Duo Armin Rößler & Heidrun Jänchen, zu den führenden Zusammenstellern hochklassiger Anthologien deutschsprachiger Provenienz. Ihre letzten Projekte, wie „Der dünne Mann“ (2006) und „Der Himmelspfeifer“ (2008) gehörten zu den interessantesten Publikationen deutschsprachiger Phantastik im jeweiligen Erscheinungsjahr und erhielten dementsprechende Anerkennung von Leserschaft und Kritik gleichermaßen. Ihr neuestes Projekt ist die aus Umfanggründen in zwei Bände aufgeteilte nicht minder ambitionierte Anthologie „Dark Ladies“.

„Dark Ladies“ – das sind die phantastischen „Dunklen Damen“, 3D-Grafiken von erotisch-exotischen Frauen in zumeist morbider und düsterer Umgebung, die die fränkische Künstlerin Gaby Hylla mit Computerunterstützung geschaffen hat und die den in der Anthologie vertretenen Autoren und Autorinnen als Inspiration für ihre Geschichten dienten. Und so faszinierend, wie sich diese beeindruckenden Bilder dem Betrachter darbieten, so vielseitig und interessant sind auch die 28 Geschichten, die nach diesen Vorlagen entstanden sind. Die Bandbreite reicht dabei von einer weiblichen Version des Lichtbringers Luzifer (Martin Clauß) und einer Walküre (Martin Kay) über ein Gothic-Mädchen, das im Bann einer Hexengräfin steht (Corinna Bomann), einer interessanten Neuinterpretation des Märchens vom Dornröschen (Uschi Zietsch), einer von Amateuren beschworenen Hexe (Damian Wolfe), einem weiblichen Tod (Lothar Nietsch), der Höllendienerin Lilith (Boris Koch) und einer dunklen Seherin (Fran Henz) bis hin zu einer Cyber-Amazone (Arthur Gordon Wolf), einer Drachenfrau (Dave T. Morgan), einer alternden Superheldin in ihrem letzten Kampf (Christoph Marzi) und einem weiblichen Wesen aus einer anderen Wirklichkeit (Harald Braem), um nur einige stellvertretend zu erwähnen. Denn im Grunde bilden eigentlich alle hier präsentierten, kompetent und einfühlsam geschriebenen, spannenden und originellen Geschichten – u. a. auch von Barbara Büchner, Christoph Hardebusch, Jennifer Schreiner, Rainer Innreiter, Tanya Carpenter, Linda Budinger, Guido Krain, Robin Gates und Desirée & Frank Hoese – mit den ihnen zugrunde liegenden Bildern eine wahrhaft perfekte Symbiose auf hohem Niveau..

Alisha Bionda ist wieder ein großer und großartiger Wurf gelungen. „Dark Ladies“ ist zweifellos, und da braucht man kein Prophet zu sein, ein heißer Tip für den diesjährigen Deutschen Phantastik-Preis.