Nancy Leyda - www.gothicparadise.de

Die beste Anthologie, die ich seit langem aus diesem Genre gelesen habe!

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Diese Anthologie war jetzt für eine Woche meine Gute-Nacht-Lektüre. Und die hatte es in sich: denn so manche der düsteren Novellen schlich sich nach zuklappen der Buchdeckel hinterrücks in meine Traumwelt. Und die Übeltäter- Geschichten, die mir einen unruhigen Schlaf bescherten, kann ich auch ganz genau identifizieren. Da hätten wir zum einen „Der Dünne Mann“ von Meisterautor Wolfgang Hohlbein und zum anderen die Erzählung von Jörg Kleudgen und Boris Koch mit dem Titel „Der Fluch Von Mayfield“. Während „Der Dünne Mann“ in ein Setting des San Francisco im Jahre 1912 zur Zeit des großen Bebens entführt und von der Begegnung eines gewissen Ian McGillicaddi mit einem überaus unheimlichen Fremden zu berichten weiß, spielt in „Der Fluch Von Mayfield“ ein dunkles Familiengeheimnis die Hauptrolle. Denn alle männlichen Nachkommen der Familie Mayfield sterben ob eines Fluches in sehr jungen Jahren eines qualvollen Todes, nachdem sie vorher zu schrecklich deformierten Gestalten mutiert sind.

Alle Autoren dieser von Alisha Bionda herausgegebenen Anthologie haben sich als Vorbild dem raffinierten Horrors Edgar Allen Poes und seiner Geschichten verschrieben. Weshalb dieses Buch auch in der Reihe „Edgar Allen Poes Phantastische Bibliothek“ des BLITZ-Verlages erscheint. Und das Poes Horror vor allem auf der psychischen Dimension die dunklen Schattenseiten menschlichen Seelenlebens ergründet, ist ja gerade sein Markenzeichen. Hier liegt das Unheimliche in ganz subtilen Dingen, im nicht-ausgesprochenen, in dem Flüstern des Windes, einer Burgruine bei Nacht oder dem Krächzen eines Raben. Die großen Erzählungen Poes und ihre Motive dienen hier nicht nur als Vorbild sondern auch als Anregung, seinen ganz eigenen Stil im Sinne Poes in der eigenen Erzählung zum Leben zu erwecken. Aber auch Motive Kafkas, Lovecrafts und Shelleys finden sich in den Novellen wieder.
Andreas Gruber thematisiert in seiner Erzählung „Wie ein Lichtschein Unter Der Tür“ die Besessenheit eines jungen Mannes nach älteren Frauen, die sich bis zur Nekrophilie steigert und zeichnet ein geschicktes Psychogram. In Barbara Büchners „Spinnwebschleier“ verbinden sich Erotik und Horror zu einer unwiderstehlich anziehenden Mischung. Christian Von Aster greift in „Stanchlomas Erbe“ das Motiv der Faszination des Menschen für Abstammungslehre und Genetik auf und verarbeitet es zu einer einnehmenden Geschichte.

Sehr gelungen finde ich auch den Abriss zu Poes Leben und Werk von Micha Wischniewski auf den letzten Seiten dieser Anthologie.
Ob über drei oder dreißig Seiten, jede der elf Geschichten ist feinster Horror, der es einem beim Lesen unheimlich werden lässt und den ein oder anderen kalten Schauer die Wirbelsäule hinab jagt. Und erst wenn Horror körperlich erfahrbar wird und die Atmosphäre des Unheimlichen beim Lesen greifbar, wie im Falle dieser Anthologie, ist es auch guter Horror.
Immer sind es jedoch die Dämonen im Menschen selbst, seine Urängste und dunklen Sehnsüchte, die den Protagonisten der Erzählungen in personifizierter Form in Erscheinung treten. Und das macht die Abläufe der Geschichten so beängstigend real!

Auch die sensationellen Illustrationen von Mark Freier tragen ihren Teil bei zur schaurigen Gänsehautatmosphäre dieser Anthologie, geben sie doch zu Beginn einer jeden Geschichte einen guten Einstieg auf das Stimmungsbild, welches dem Leser auf den nächsten Seiten begegnen wird und können unter diesen Umständen teilweise auch sehr verstörend wirken.
Hier ist Gänsehaut und Gruselstimmung garantiert!

Die beste Anthologie, die ich seit langem aus diesem Genre gelesen habe!