Florian Hilleberg - LITERRA

Der dünne Mann – und andere düstere Novellen

Florian Hilleberg - LITERRA

Edgar Allan Poes Phantastische Bibliothek

Der mittlerweile achte Band dieser faszinierenden Reihe bildet eine Anthologie mit Texten verschiedener Autoren, welche extra für dieses Buch angefertigt wurden.
Herausgegeben hat dieses ambitionierte Werk Alisha Bionda, ihres Zeichens Lektorin, Herausgeberin und Autorin im BLITZ-Verlag, der erst vor kurzem mit „Wolfgang Hohlbeins Schattenchronik“ ein großer Wurf gelang, deren erster Band, ebenfalls eine von ihr herausgegebene Anthologie war und mit dem deutschen Phantastik-Preis für die beste Sammlung von Kurzgeschichten ausgezeichnet wurde.

Mit „Der dünne Mann“ erscheint nun ein weiterer Anwärter auf diese Trophäe, denn alle elf Storys wurden von namhaften und talentierten Autoren verfasst, welche mehr Wert auf das unsichtbare, nicht fassbare Grauen legen, als auf Blut und Gewalt.

Den schrecklichen Reigen eröffnet Dr. Franz Rottensteiner mit einem Vorwort, in dem er die einzelnen Geschichten vorab kurz bespricht.
Der oft in Verbindung mit Horror gebrachte Sex wird hier als kunstvolle Erotik mit eingesponnen, dient nicht nur als oberflächlicher Leserfang oder Mittel zum Zweck sondern bildet auch das zentrale Thema der ersten Geschichte „Wie ein Lichtschein unter der Tür“, in der Andreas Gruber das Leben eines Mannes beschreibt, der seltsame sexuelle Neigungen zu entwickeln beginnt.

In „Spinnenwebschleier“ von Barbara Büchner, einer dreiseitigen surrealen Erzählung verwischen die Grenzen zwischen Realität und Illusion, indem sich eine junge Frau auf einem nächtlichen Friedhof mit einer Schattenkreatur vereint.

„Nepenthe“ ist eine schneeweiße Katze, und steht damit im Gegensatz zu jenem schwarzen Tier, welches in Poe’s Geschichte Mittelpunkt des Geschehens ist.

Auch Christoph Marzi greift in seiner Story „Die Raben“ direkt auf ein berühmtes Werk von Poe zurück und erweitert die Handlung um einige interessante, wie unheimliche Elemente.

„Abendstimmung mit Burgruine“ ist eine fast klassische Gespenster-Geschichte, bei der das Ende allerdings die eine oder andere Überraschung bereit hält.

Micha Wischniewski schrieb mit „Die Firma“ eine kafkaeske Geschichte über eine Fabrik, die ihre Mitarbeiter zu willenlosen Marionetten erzieht, die keinen eigenen Willen besitzen und funktioniert somit auch als Metapher auf die moderne Arbeitswelt.

Die Titelstory verfasste niemand anderes als Wolfgang Hohlbein und „Der dünne Mann“ ist einmal mehr der satanische Lieblingsantagonist unheimlicher Literatur, dieses Mal mit dem Ziel eine ganze Stadt ins Verderben zu schicken. Der Stil des erfolgreichen Fantasy-Autors ist liest sich sehr flüssig, bewegt sich sprachlich aber dennoch auf einem höheren Level und die Handlung entwickelt sich in einer Weise, wie man sie nicht erwartet.

Christian von Aster schuf mit „Stanchloams Erbe“ eine Erzählung, die zwischen „Frankenstein“ und H.P. Lovecraft angesiedelt wurde und bewegt sich in einer düsteren Atmosphäre des unausgesprochenen Grauens, dessen Wirklichkeit erschreckender als unsere kühnsten Albträume ist.

Alisha Biondas Co-Autor der „Schattenchronik“, Jörg Kleudgen hat auch für diese Anthologie zur Feder gegriffen und mit Boris Koch eine Gemeinschaftsarbeit abgeliefert, die nicht nur als Hommage auf Poe’s „Der Fall des Hauses Usher“ zu verstehen ist, sondern auch wieder lovecraftsche Züge offenbart, denn die Mitglieder einer alten englischen Familie leiden unter einem Fluch, der den Wahnsinn beinhaltet und schreckliche Ungeheuer erschafft.

Den Abschluss macht Mark Freier, der nicht nur das unheimliche und sehr düstere Cover gestaltete, sondern sich auch für die stimmungsvollen Innenillustrationen verantwortlich zeigt, die den Geist der einzelnen Novellen perfekt widerspiegeln. Die „Kleine Nachtgeschichte“ des Münchener Grafikers und Autors ist eine durch und durch böse Geschichte, die deutlich macht, wie sehr die eigene Begierde ins Verderben führen kann.

Den Abschluss macht Micha Wischniewski mit einem Essay über „Das Leben und Werk von Edgar Allan Poe“, welches erstmals in der Zeitschrift „Mephisto“ veröffentlicht wurde und durch eine Betrachtung des Einflusses von Poe auf moderne Autoren und Medien erweitert wurde.

Eine kurze Vita zu den Autoren, dem Künstler und der Herausgeberin runden diesen Band hervorragend ab.

Fazit:

Düstere, unheimliche Kurzgeschichten in der Tradition der Gothic-Novel, die selbst Edgar Allan Poe einen Schauer über den Rücken laufen ließen.