Ausschnitt aus: Kennst du meinen Namen? (1999)

Leseprobe: Ausschnitt aus: Kennst du meinen Namen? (1999)

I
Kennst du meinen Namen, hatte das Jenseits gefragt, bevor es die Verbindung unterbrochen hatte. Für Nytha ergab diese Frage zwar einen Sinn, aber nichtsdestotrotz war sie auch verblüffend.
In den schwarzen Künsten hieß es, dass Namen Macht bedeuteten. Kannte man den wahren Namen eines Dämons oder eines Engels, so konnte man ihn viel einfacher beherrschen oder bannen. Deshalb führten viele der jenseitigen Kreaturen auch viele unterschiedliche Namen, um ihre wahre Identität zu verschleiern, um zu verunsichern. Aber noch niemals hatte eine Wesenheit einer anderen Ebene solch eine Frage gestellt, die nur den Sinn haben konnte, die Neugier hervorzurufen. Es kam einer stillen Aufforderung gleich, nach dem Namen zu suchen.
Wollte das Wesen vielleicht bezwungen werden?
Nytha setzte sich an ihr kleines Schreibpodest, um sich Notizen machen zu können. Draußen dämmerte der Morgen, jedoch drückte die Dunkelheit der Nacht nachdrückliche Schatten in die Atmosphäre, die dicht und feucht war. Das Meer schlug sich noch immer voller Inbrunst gegen die Klippen dieser Küste.
Nytha konnte sich noch gut an ihre Ankunft vor zwei Jahren erinnern. Sie hatte Jahre gebraucht, um überhaupt einen Ort der ungestörten Ruhe ausfindig machen zu können, und diese verlassene Küstenfeste, deren Gebäude größtenteils in den Mequirrer Kriegen zerstört worden waren, erwies sich als vortrefflich. Sie lag abseits der Städte und Dörfer und war ohnehin vergessen. Aber seit diesem Tag im Hochsommer hatte das Meer nicht einmal geschwiegen, es ermangelte nicht ein Mal in seinem Bestreben, die felsige Küste zu Staub zu zerschlagen. Die junge Magiekundige hörte seine Schlachtrufe allerdings kaum noch, nur wenn sie der Stimme der Fluten bedächtig lauschte, als vermöchte sie den brandigen Worten ein geheimes Wissen abringen.
Nytha schlug ihr Notizbuch wieder zu, denn sie wusste nicht, was es zu vermerken gegeben hätte.
Sie hatte nichts gesehen – mit Ausnahme der Dämpfe des Räucherwerks.
Sie hatte nichts gespürt, außer ihrem Schweiß, der aus ihren Poren getreten war, als müsse er sich vor dräuenden Gefahren verflüchtigen.
Sie hatte nur diese flüsternde Stimme gehört, und itzt fragte sie sich, ob sie sich deren noch gewiss war.
Kennst du meinen Namen?
Nytha rätselte, obgleich sie bedachte, wie wenig Hinweise sie hatte, um überhaupt Mutmaßungen anzustellen. Es machte sie wütend, nicht zu wissen, was dieses ungewöhnliche Ereignis bedeuten mochte. Möglicherweise war es etwas Großes, dem sie auf die Schliche gekommen war.
Nach einer Weile erinnerte sie sich an einen Dämon, den man nur "den Flüsterer" nannte, jedoch fiel ihr nicht ein, wo sie von ihm gelesen. Mit einem Satz brachte Nytha sich vor ihr Bücherregal und betrachtete die Buchrücken der vielen Folianten. Es fiel ihr nicht wieder ein. Stunden stand sie dort und ging die Inhalte der Bücher allein im Kopf durch, dennoch kam sie zu keinem Schluss. Vielleicht hatte sie während ihrer Lehrjahre an der Hochschule zu Gribathan von dem Flüsterer gelesen oder gehört. Dann jedoch war ihr der Zugriff auf das Wissen über den Dämon verwehrt, denn sie war von der Hochschule und den Zünften ausgeschlossen worden. Nythas Anflug von einem Lächeln drückte den bitteren Geschmack ihrer Wut aus, doch sie wollte die alten Geschichten ruhen lassen.
Mit einem Male spürte sie die Anstrengungen der vergangenen Stunden auf ihre Augenlider tropfen wie heißes Blei. Ihre Knochen wurden schwer, so dass sie den längst säumigen Entschluss fasste, einige Stunden zu schlafen. Sie löschte alle Kerzen – ein Ritual wie es andächtiger kaum vollzogen werden konnte – und verließ den Raum, der für die Beschwörungen hergerichtet war. Nytha ging über die schmale Rundtreppe in das zweite Geschoss und betrat ihr Schlafgemach, das nur ein kleines Bett und eine schwere Truhe beinhaltete. Sie zog sich aus, wusch sich mit dem Regenwasser, welches sie in einem Eimer, der vor dem Fenster hing, sammelte, und salbte ihren Körper im Anschluss mit einer öligen Essenz, so dass er einen milchigen Glanz bekam, der nach Opium roch. Dann legte sie sich unter die dünne Zudecke aus Pferdehaar und schlief kurz danach ein.

II
Ein monotoner Rhythmus schlug in ihren Traum hinein. Er bestand aus dumpfen und hellen Tönen. Sie klangen hart und abrupt. Durch ihren Takt konnte man schauen, als sei er die matte, dünne Schicht einer vibrierenden Haut. Dahinter herrschte Dunkelheit und gleichzeitig wie Perlmutt schimmernde Schemen, die sich der Oberfläche näherten. Schließlich drückten sie sich gegen die irisierende Membran und es zeichneten sich die Formen eines befremdlichen Hauptes ab. Es hatte eine ganz und gar runde Form mit dreieckigen Augenhöhlen und einer ungewöhnlich flachen, breiten Nase, die fächerförmig zum Mund hin ausstrahlte und in ihn überging. Dessen Öffnung war schmal und wurde nicht von Lippen eingerahmt. Der Kopf drückte sich mehr und mehr durch die sich spannende Haut, um sich mit einem Male in den Schatten zurückzuziehen.
Du Närrin wirst es nie begreifen. Die Dämonen sind keine Spielzeuge. Sie werden dich vernichten...
Diese Stimme war nur leise zu vernehmen, und sie hallte sehr stark. Dennoch erkannte Nytha, dass es Worte waren, die ihr Lehrmeister an sie gerichtet hatte. Andererseits hatten diese Worte schon Dutzende Menschen vor ihm gesagt. Allein die Erinnerung daran erfüllte sie mit Aggressionen.
Götter sind Trugwesen für all jene, die an etwas glauben wollen; die nicht stark und willig genug sind, wahres Wissen zu erlangen. Götter sind eine Erfindung der Alten und Kleriker, um Kinder zu erschrecken und Erwachsene gefügig zu machen. Götter sind Traumbilder. Wir können nichts von ihnen lernen und nichts von ihnen bekommen. Ihre Existenz ist nur die Furcht vor der Realität. Eine Ausflucht. So schrie Nytha heraus, was sie stets auf Anklagen und Warnungen erwidert hatte.
Und Dämonen oder Engel sind existent? Und wenn sie es sind, sind sie nicht vielmehr der Beweis, dass es noch größere Wesen geben muss, die ihnen befehlen?, flüsterte die Stimme des Traumes mit dem Tonfall von Nythas Mutter, einer Priesterin des Gonda-Ordens.
Dämonen, Engel oder Geister sind Diener der Natur und der Welt. Sie mögen Seelen sein, auf einer Reise der Erkenntnisse, aber sie sind mit Sicherheit keine Diener einer Gottheit. Es gibt keine Gottheiten. Deshalb wende ich mich an Dämonen und Geister. Sie sind das Medium, über das man an das wahre Wissen und an Weisheit zu Lebzeiten gelangen kann. Sie antworten, sie atmen und schlagen dich mit Krankheit, Wahnsinn oder Tod, wenn du nicht Acht gibst. Nythas Argumentation klang noch wie vor all den Jahren.
Und würde dir ein Gott auch sein Antlitz offenbaren, würde er dir Zeichen schicken, würde er sich zeigen, du würdest ihn nicht erkennen, ihn nicht anerkennen, ihn nicht verwirklichen. Du bist blind, sonst könntest du wohl sehen. Diese Vorwürfe stammten von der Klerikerin Dura und waren Jahre alt. Ihr Gesicht zeigte sich für Augenblicke in einem Dunst, der sich schneller verflüchtigte als er gekommen war.
Urplötzlich platzte etwas aus der dünnen, milchigen Haut, die riss, als bestünde sie nur aus brüchigem Pergament, und klatschte mit einem unangenehmen Geräusch vor Nythas im Traum befindlichen, geistigen Auge. Es war der verdrehte und aus zahlreichen Wunden blutende Leichnam ihrer Mutter, der sich ihr mit einem irren Grinsen auf den Lippen und einem stierenden Blick in den gebrochenen Augen zuwandte.
Kennst du meinen Namen?

III
Nytha fuhr aus dem Traum hoch. Ihr Körper fühlte sich klebrig und klamm. Zudem schüttelte sich eine Gänsehaut durch die Hitzewellen, die unter ihrer Haut brannten. Ihr Atem fauchte laut. Nytha hatte Mühe sich zu sammeln, denn sie war solch vehemente Träume nicht gewohnt. Meist schlief sie viel zu fest, um sich an Einzelheiten oder auch nur der groben Handlung eines Traumes erinnern zu können. Ihr Schlaf – eine dunkle Wohnstatt der Bewusstlosigkeit. Und dies war wissentlich der erste Alptraum seid ihrer frühen Kindheit, in der sie unter vielen Fieberträumen gelitten hatte, wenn ihr Körper von Krankheiten heimgesucht worden war. Das Ende dieses frischen Schlafgebildes war nicht abzuschütteln. Es schickte Schrecken und das Grauen. Nytha spürte Furcht.
Vergessen waren Neugier und Wissbegierde.
Sie stand auf und wusch sich, in der Hoffnung, Abstand zwischen sich und den Alpdruck bringen zu können. Derweil kreisten ihre Gedanken um die Frage, was sie zu tun im Stande war, damit die verschleierte Identität des Wesens enthüllt werden konnte. Nur eine weitere Beschwörung mochte Klarheit bringen, und sie wusste auch, an wen sie sich wenden musste. Die Dämonin Nesvertari war eine sehr aggressive und spielsüchtige Jenseitige, die zu beherrschen fast unmöglich war, dennoch besaß sie eine entscheidende Schwäche – all ihr Wissen strahlte geradezu durch sie hindurch. Und mit etwas Glück kannte sie den Flüsterer.
Nachdem sich Nytha gewaschen hatte, kleidete sie sich in leichte Gewänder und schickte sich an, das Beschwörungszimmer für eine Anrufung herzurichten, als es an der Tür des Turmes pochte.
Nytha war verärgert und erstaunt zugleich. Es verirrte sich nie jemand hier heraus. Man fürchtete sie viel zu sehr. Fremde wurden in der Stadt und von den Bauern der Umgebung so lange gewarnt und mit Geschichten in Angst und Schrecken versetzt, bis sich niemand mehr hierher wagte. Deshalb konnte man die alte Feste auch ohne weiteres betreten. Nur der Turm, in dem sie wohnte, war gesichert und verschlossen. Trotzdem machte der Besucher wieder mit starkem Pochen an der schweren Bohlentür auf sich aufmerksam.
Die Magierin konzentrierte sich kurz auf einen Angriffsspruch und wandte sich dann der Tür zu.
»Ja, doch. Ich komme ja, dies ist ein großes Haus.«
Als sie die Tür geöffnet, wusste Nytha bereits, was ihr bevorstehen mochte, denn vor ihr standen zwei Ritter des Primus Nudai Ordens, was klar an den Wappen auf ihren Brünnen zu erkennen war. Ein Eibenzweig in der Form eines Eissterns. Der hochgewachsene, hagere Mann mit dem schütteren Haar und der dunkelgrünen, türkis abgesetzten Robe eines Klerikers war niemand Geringeres als der Reichsinquisitor Borkin Ad Lintare.
»Nytha Tigan, Abtrünnige vom Clan Bora?« Die Frage klang eher nach einer respektlosen Feststellung, und die Stimme des Ad Lintare klang dabei wie ein helles Klirren. »Ihr seid festgenommen und angeklagt der Ausübung schwarzer und verbotener Magie, des Mordes an Frauen und Ungeborenen und der mehrfachen Vergewaltigung eines Priesters. Gestattet wird Euch das Recht zu leben und die Wahrheit zu sprechen, wenn Ihr gefragt werdet, solange wie Eure Anhörung dauern wird. Bis zu Eurer Aburteilung seid Ihr und Euer Hab und Gut Besitztum des Primus Nudai Ordens und habt fügig zu sein. Ashgar-Ta, nehmt sie in Gewahrsam und befehlt Euren Männern, diese Gemäuer nach belastendem Material zu durchsuchen.«
»Zu Befehl, Herr«, erwiderte der rechte Ritter und nahm den Helm von seinem kantigen Schädel.
Nytha erschrak fürchterlich und vergaß dabei ihren vorbereiteten Zauber. Der Scaintyst war ihre große Jugendliebe aus Gribathan, und auf seinem Gesicht spiegelten sich Schmerz und Wut wider.

IV
Man sperrte Nytha in den schmalen und fensterlosen Küchenraum des Untergeschosses, allerdings nicht, ohne zuvor alle Gerätschaften, die für mögliche Angriffe geeignet erschienen, entfernt zu haben. Noch während man das tat, hörte Nytha, wie viele Ritter das Gebäude stürmten und es regelrecht auf den Kopf stellten. Überall polterte und rumpelte es, man zerrte und schob Mobiliar über die Böden, warf alles um und zerstörte zerbrechlichere Gegenstände.
Bei all diesen Geschehnissen konnte Nytha keinen Blick von Tyrlan lassen. Er hatte sich seit damals kaum verändert. Er war noch immer ein schmutziger, stämmiger Kerl mit einer braunen, groben Haut und stechenden grünen Augen. Sein Haar war noch immer in der satten Farbe polierten Walnussholzes, doch es musste nun bis fast auf die Schultern reichen, so mutmaßte Nytha aufgrund der Länge des geflochtenen Zopfes. Tyrlan hingegen vermied jeglichen Blickkontakt. Aber er sah wütend aus – trotz der langen Zeit, die inzwischen vergangen war.
Das Schweigen war kalt und erfüllt von wilden Gefühlen, welche die Vergangenheit zu bewältigen suchten. Die Magierin wäre durchaus bereit gewesen, die Stille zu brechen, jedoch war sie nicht allein mit Tyrlan. Und sie befürchtet, den Scaintysten in Gefahr zu bringen, wenn sie die Bekanntschaft offenbarte. Ihre Chancen, der gesegneten Inquisition zu entkommen, waren sehr gering. Sie wusste genau, was ihr bevorstand.
Die Abläufe waren stets gleich. Zunächst befragte man den Inkulpat, und da die Inquisitoren nie zu hören bekamen, was sie hören wollten, folgte eine ausgedehnte Folter, bei der Verstümmelungen und Vergewaltigungen die kleineren Übel waren, und der früher oder später die erwünschten Geständnisse folgten. Am Ende wartete stets die Hinrichtung auf den Magiekundigen. Begnadigungen oder Freisprüche waren bislang unbekannt.
Nytha wurde es mulmig zumute, als sie darüber nachdachte, und sie hoffte, Tyrlan würde ihr die Chance auf ein persönliches Gespräch geben, indem er die beiden anwesenden Ritter hinausschickte. Doch diesen Gefallen tat er ihr nicht.
Stattdessen durchsuchte er noch einmal den Küchenraum, allerdings mit weit weniger Hingabe, als zu erwarten gewesen wäre, so dass es offensichtlich war, dass er sich lediglich zu beschäftigen suchte. Als auch das irgendwann nicht mehr glaubhaft erschien, setzte er sich auf einen Absatz am Herd und stierte auf den Boden.
Nytha konnte noch immer Ärger in seinen Augen lesen. Jedoch erahnte sie auch einen sorgenvollen Ausdruck, war sich aber letztendlich nicht sicher, ob es nicht nur ihren Wünschen entsprach. Die Zeit, die sinnlos zu verrinnen schien, zerrte an Nythas Nerven und sie suchte verzweifelt nach dem Mut, einfach frei sprechen und Tyrlan über ihre Entscheidungen von damals aufklären zu können. Doch bevor sie ihn zu erringen vermochte, wurde die Tür geöffnet und drei Ritter betraten zusammen mit Ad Lintare den Raum.
Als Tyrlan sich erhob, warf er Nytha nur für einen Augenblick den langersehnten, erlösenden Blick zu. Aber in seinen Augen lag noch immer kaum mehr als Wut und Vorwürfe und vielleicht das leise Unverständnis, von dem Nytha stets gehofft hatte, es könne sich irgendwann zu der Erkenntnis verkehren, die ihn wieder besänftigen konnte.
Jetzt stellte sich der Inquisitor vor Nytha und stierte mit strengem Blick auf sie hinab. Sein hageres Gesicht glich kaltem Granit. Er sah zufrieden aus, gerade so, als hätte er gefunden, was auch immer er zu finden gehofft. Und Nytha zweifelte nicht daran, denn in ihren Räumen lag genug belastendes Material, um sie ohne Anhörung vierteilen lassen zu können.
Ein junger Scaintyst setzte sich an eine Ablage und öffnete ein dickes, von ihm mitgebrachtes Buch. Dann zog er aus seiner Brünne eine in Haut gewickelte Feder und ein kleines verkorktes Tintenfass. Sofort stippte er die Feder in die Tinte und begann mit behenden und schnellen Bewegungen zu schreiben.
Als der Inquisitor Ad Lintare das kratzende Geräusch der Schreibfeder vernahm, begann er: »Nytha Tigan, Ihr habt an den magischen Hochschulen von Gribathan die Künste der Herbeirufung, Beschwörung und Veränderung gelernt. Hochrat Eidyn selbst war Euer Lehrer, der schon früh Euer Interesse für die dunklen und verbotenen Künste erkannte und den Kongress deshalb vor Euch warnte. Er beschrieb Euch als eine blasphemische und verruchte Göre, deren Ehrgeiz einzig und allein darauf ausgerichtet zu sein scheint, die göttlichen Winde der Magie zu verunglimpfen und sich stattdessen die rohen Kräfte der Geister und Dämonen dienstbar zu machen.« Der Inquisitor beugte sich zu ihr hinunter und Nytha konnte den süßen Geruch seiner Körpersalben wahrnehmen, so dass sie sich zwangsläufig vorzustellen begann, wie es sein mochte, wenn dieser ekelerregende Kerl sie besteigen würde. Ad Lintare blickte ihr lauernd in die Augen. »Entspricht das der Wahrheit?«
Für einen Augenblick herrschte Stille und nur das nervöse Kratzen der Schreibfeder war zu vernehmen.
»In den Hochschulen zu Gribathan lehrte man mich, die vorhandenen Kräfte zu kanalisieren und sie nutzbar zu machen.«
Der Kleriker unterbrach sie rüde. »Ja oder nein.«
»Nein«, entfuhr es ihr schärfer, als es dienlich sein mochte.
Nytha bemerkte am Lächeln des Ad Lintare, dass sie sein Spiel bereits so spielte, wie er es sich erhofft. Mit jedem ihrer Worte besiegelte sie ihren Untergang. »Es ist wahr, dass ich meine Kräfte den Geistern und den von Euch Dämonen betitelten Wesen abringe, deshalb sind die Werke, die ich vollbringe, noch lange nicht böse oder schlecht.«
»Jedoch war es stets Eure Meinung, dass all unsere Götter nicht existieren«, fügte der Kleriker an und erhob sich, um zwei Schritte zurückzutreten.
»Man lehrte mich aus den vorhandenen Indizien und Beweisen logische Schlussfolgerungen zu ziehen und jene Kräfte, die wirken und denen wir habhaft werden können, stammen nicht von göttlichen Wesen. Das führte mich in der Tat zu der Meinung, dass diese nicht existieren. Alle wirkenden und nutzbaren Energien stammen aus der Natur, ihren Elementen und ihren Geistern, deren Herkunft und Daseinbegründung aus unterschiedlichsten Umständen und Ursachen resultiert sein können.«
Ad Lintare wandte sich kurz ab und trug dabei ein Grienen, als habe er längst den Beweis erbracht, den zu führen nötig war. »Konntet Ihr bei Eurer Arbeit je einen engeren Kontakt zu den Geistern knüpfen?« Der Inquisitor legte seine Hände hinter dem Rücken zusammen und begann, im Raum auf und ab zu gehen.
»Ja, zu einigen«, bekannte Nytha, die in den Augen der Ritter bereits lüsterne Vorfreude zu erkennen glaubte. Tyrlans Blicke schienen nun ausdruckslos zu sein, nur sein Mund hielt sich verkniffen.
»Habt Ihr sie je gefragt, woher sie die Kräfte bekommen, die sie an Euch weitergeben?«
»Nein, man spürt, dass ...«
»Habt Ihr Euch selbst je gefragt, ob Euch diese Geister vielleicht in die Irre führen könnten? Ob sie möglicherweise gar kein Interesse daran haben, Euch über die Wahrheit bezüglich der Herkunft ihrer Mächte aufzuklären? Ob sie Euch – schlicht und einfach – belügen?« Ad Lintare verharrte lauernd.
Nytha war für einen Augenblick sprachlos. Als sie ihre Stimme wiedererlangte, sagte sie: »Sie stehen unter dem Zwang, so dass sie kein falsches Zeugnis ablegen können.«
»Nytha Tigan, ist es richtig, das der Zwang ein magischer Bannzauber ist?«
»Ja, aber ...«
»Ihr verlasst Euch in Euren Betrachtungen und Meinungen also auf die Euch eigenen eingegebenen Kräfte?« Ad Lintares Stimme wurde leiser und zischender.
»Natürlich, das muss ich doch«, antwortete Nytha, die bemerkte, wie sich die unsichtbare Schlinge um ihren Hals immer fester zog. »Dafür wurden sie gemacht.«
»Aber habt Ihr selbst nicht gesagt, dass Ihr Eure Kräfte den Geistern und von uns Dämonen betitelten Wesen abringt? Wie könnt Ihr dann sicher sein, dass diese Kräfte auch die gewünschte Wirkung auf Ihre Erzeuger und Beherrscher zeigen?« Jetzt wandte sich der Inquisitor wieder ihr zu und zeigte unverhohlenes Interesse.
»Ich ... nun, ein Schwert gegen dessen Schmied gewandt, ist nicht weniger tödlich«, konterte Nytha verbissen.
»Nun, Ihr werdet mir wohl Recht geben, dass ein Schwert zwar wandelbar, doch stets ein Stück Stahl bleibt, ganz gleich was Ihr mit ihm anstellen mögt. Magie jedoch ist immer neu und immer anders. Sie wandelt sich mit jedem Augenblick und lässt sich nicht so einfach führen wie ein Gegenstand geschweige denn mit einem Zweck bedingen. Nicht ohne Grund vergleicht man sie mit Böen und Winden der Natur.« Er nickte bedächtig. »Wahrlich ist es nicht Aufgabe dieser Anhörung, Euch zum rechten Glauben zu bekehren«, resümierte der Inquisitor.
Nein, dachte Nytha, sondern ein Geständnis zu bekommen, um es protokollieren und mich dann töten und verscharren zu können.

V
Ruradal war seit achtzehn Jahren Scaintyst, und er hatte schon viele geheime Verstecke und Lagerstätten der finsteren Gesellen auf den Kopf gestellt. Auch wenn sie den Auftrag hatten, bei Bedarf belastendes Material unterzuschieben, so hatte er persönlich noch nie erlebt, dass es erforderlich gewesen wäre. In allen Fällen fand man genug Beweise in Form von Abschriften verbotener Bücher und Sprüche, mannigfaltige Utensilien, die man für die dunklen Zeremonien gebrauchte und Aufzeichnungen aller Missetaten. Auch in diesem Fall waren die Beweise reichhaltig. Es gab kaum eine Schublade und kaum ein Fach, das nicht genügend anschuldigendes Material beinhaltete.
»Wenn ich mir das so anschaue, Meister Ruradal, dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, weshalb dieses Mädchen überhaupt noch angehört wird. Wir machen uns nur die Finger schmutzig, wenn wir in all diesem Zeug herumkramen«, meinte Scaintyst Dvorak, der offensichtlich kein Interesse daran hatte, in nur irgendetwas zu wühlen. Er stand vor dem großen Buchregal im Zeremonienraum und studierte die Buchrücken. Auch wenn er die meisten altertümlichen Schriften der Titel nicht entziffern konnte, so sagten ihm die Symbole zumeist, um welchen Inhalt es sich handeln musste.
Ruradal brummte zustimmend. Seine Gedanken waren bei der Vielzahl der Kräuter und Essenzen, die in einem breiten Regal mit unzähligen offenen, kleinen Fächern standen. Der Scaintyst hatte schon seit geraumer Zeit kein so gut ausgestattetes Beschwörungszimmer mehr vorgefunden. Vor einem fensterlosen Erker erregte eine Trennwand aus bezogenem und vergilbtem Nessel seine Aufmerksamkeit. Er war gerade dabei, den Erker vorbei an der Wand zu betreten, als er ein leises, tiefes Kichern zu vernehmen glaubte. Er hielt misstrauisch inne.
Komm Ruradal, komm zu mir.
Der Scaintyst verspannte sich und zog sein Messer. Er war nicht in der Lage, auch nur einen Ton zu sagen, als er das leise Flüstern vernommen. Mit einem Male hielt ihn Spannung gepackt. Er spürte eine unbegreifliche Gefahr und seine erfahrenen Instinkte ließen im Nu nur noch Handlungen zu. Ein Grausen, wie verändert auf einmal die Situation war, fuhr ihm tief ins Gebein. Der kleine, gedrungene Ritter, der sonst wie ein Troll auf seine Gegner zufuhr, erstarrte zu einem Monument der Unsicherheit und Furcht. Dennoch obsiegte die Neugier.
Als er den nächsten Schritt machte, erklang wieder das Flüstern.
Kennst du meinen Namen, Ruradal? Ich kenne den Deinigen.
»Mich würde interessieren, was man mit all diesen Formeln heraufbeschwören kann. Das Mädchen muss ein wahres Teufelskind sein, wenn es all dieses Zeug verstanden und benutzt haben will«, sagte Dvorak aus dem vorderen Teil des Raumes. Seine Stimme klang, als sei er Dutzende von Metern entfernt.
Nach zwei weiteren Schritten war Ruradal um die Trennwand herum. Im Erker stand eine alte, große Truhe und zwei Kleiderständer, an denen einige Roben hingen. Auch an der Oberseite der Trennwand waren Haken montiert worden. Der seltsame Flüsterer jedoch stand nicht im Erker. Aber der Meister-Scaintyst konnte leicht einen Geruch wahrnehmen, der ihn für einen Moment nur an Essig erinnerte.
Und urplötzlich durchfuhr ihn ein Schlag aus Schrecken und Angst, als eine Pranke auf seine Schulter fiel.

VI
»Als man Euch in den Klöstern von Nirggund in Glauben und Religion zu unterweisen versuchte, habt Ihr da einen jungen Novizen namens Bergan kennen gelernt?« Der Inquisitor steuerte zielbewusst zum nächsten Anklagepunkt, und Nytha war verführt zu bemerken, wie sinnlos diese Farce eigentlich war, da das Urteil doch bereits feststand.
»Ja.«
»Und was für einen Eindruck hinterließ der junge Bergan auf Euch?«
Nytha spürte mit einem Male Tyrlans Blicke auf sich, und auch wenn sie verführt war, ihm in die Augen zu schauen, so widerstand sie doch der Versuchung, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen.
»Er schien mir verwirrt zu sein. Und man hatte ihn offensichtlich gezüchtigt.«
»Hattet Ihr Grund zu der Annahme, dass er gezüchtigt worden war?«, fragte Ad Lintare.
»Zunächst nicht. Aber ...«
»Erklärt bitte näher, weshalb er einen verwirrten Eindruck machte.«
»Er war verängstigt und zuckte stets zusammen, wenn man nur irgendeine Bewegung in seine Richtung tätigte. Er schien sich nicht darüber im Klaren zu sein, weshalb er in dem Kloster war, warum er die Betgänge und Studierstunden absolvieren musste. Er machte auf mich eher den Eindruck eines ungebildeten Stadtjugendlichen, der ...«
»Ich nehme an, Ihr habt auch mit ihm darüber gesprochen«, mutmaßte der Inquisitor und bekam den lauernden Eindruck einer Hyäne.
»Nein, das war nicht möglich.« Nytha war sich sicher, dass Ad Lintare diese Antwort erwartet hatte.
»Und weshalb nicht?«
»Man hatte ihm die Zunge herausgeschnitten.«
»Wer?« Die buschigen Augenbrauen in Ad Lintares Gesicht hoben sich und heuchelten Interesse.
»Ich weiß es nicht.«
»Ich muss doch feststellen, dass Ihr sehr wenig – genau genommen gar nichts – von diesem Jungen gekannt habt. Ihr habt nicht gewusst, weshalb er in dem Kloster war, wer er war und weshalb er einen solch verstörten Eindruck erweckt hat. Dennoch habt Ihr Euch seiner angenommen. Gab es dafür einen besonderen Grund?«
Nytha spürte mit einem Mal, dass eine Last, die schon seit geraumer Zeit auf ihrer Brust gelegen hatte, an Gewicht gewann und ihr das Atmen sehr erschwerte.
»Er tat mir leid. Er schien mir in der gleichen Lage wie ich zu sein.«
»Ich nehme an, Ihr sprecht von der Lage, dass man Euch in das Kloster schickte, damit man Euch vor Augen führen konnte, dass die Götter die Urheber der Magie sind und nicht irgendwelche Geister und Dämonen. Man erhoffte sich, dass man im Stande sein würde, Euch im Glauben zu unterweisen.«
»Man zwang mich ins Kloster!«, warf Nytha ärgerlich ein.
»Ihr habt dem Jungen also geholfen, sich zurechtzufinden. Ihr habt ein Verhältnis des Vertrauens aufgebaut, um sich diese Hilfe dann mit Liebesdiensten bezahlen zu lassen«, behauptete Ad Lintare und begutachtete dabei Tyrlan aufmerksam. Der Scaintyst starrte verbissen zu Boden.
Nytha zügelte sich, denn eine Antwort ergab keinen Sinn.
»Und je länger Ihr in dem Kloster gewesen seid, um so öfter habt Ihr von seiner Hörigkeit Gebrauch gemacht. Ihr habt ihn geschändet, wo er ging und stand. Ihr habt ihm nachts den Schlaf geraubt, wie es sonst nur Sukkuben machen.« Die Stimme des Inquisitors erhob sich in gespieltem Ärger und Zorn. Er kam auf Nytha zu und stützte sich mit den Händen auf die Lehnen ihres Stuhles, um ihr direkt in die Augen schauen zu können. »Und Ihr habt ihn dazu getrieben, euch auf den heiligen Altären der Ilmenda – der Göttin natürlicher Schönheit und natürlichen Einklangs – zu vergehen, die Hostien, die Monstranz und sogar das Missale mit euren Säften zu entweihen. Ihr wusstet, dass er nicht die Möglichkeit hatte, sich zu wehren oder Eure Vergehen bei den Hohepriestern anzuzeigen.«
»Habt Ihr schon einmal in Erwägung gezogen, dass Bergan ein genauso geiler Stecher war, wie Ihr selbst es gerne wärt, und sich nur auf natürlichem Wege nehmen konntet, was Ihr nur mit Eurer dreckigen Berufung vermögt?«, zischte Nytha, die dem Inquisitor am liebsten an die Kehle gegangen wäre.
Ein Lächeln huschte über die schmalen, spröden Lippen Ad Lintares.

VII
Ruradal zuckte zusammen und fuhr mit einer weit ausladenden Bewegung der Hand, die das Messer hielt, zurück. Dvorak konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen, denn sonst hätte die Klinge seine Kehle aufgeschlitzt.
»Hey, bist du närrisch? Was ist denn los?«, rief Dvorak und starrte Ruradal überrascht an.
»Entschuldige, ich habe mich nur so erschrocken«, sagte der Scaintyst und steckte sein Messer in die Scheide zurück.
»Was ist denn hinter der Wand?« Dvorak rieb sich den Hals.
»Eine Truhe«, antwortete Ruradal.
»Und? Hast du schon nachgeschaut, was darin ist?«
Ruradal zögerte und lauschte noch immer, ob er das leise Flüstern wieder vernehmen konnte, doch es war außer den Geräuschen, welche die beiden Männer selbst erzeugten, nicht viel im Raum zu vernehmen.
»Na, offensichtlich nicht. Mann, Freund, du siehst nicht gut aus. Alles in Ordnung?«
»Ja. Ja, alles klar. Aber ... mach du die Truhe auf. Mir ist es nicht so wichtig. Wir haben eh genug Beweise.«
Dvorak schlug seinem Gefährten auf die Schulter und ging hinter die Trennwand. Ruradal vernahm das leise Klacken des Schlosses und wartete gespannt auf eine Aussage.
»Mann, hier riecht es wirklich seltsam. Mh, mal schauen.« Ruradal hörte wie Dvorak den Deckel öffnete, und noch während er sich abwandte, konnte er seinen Kumpan leise fluchen hören. Ruradal hatte sich gerade zum Ausgang bewegen wollen, als die kaum vernehmbaren Worte seines Mitstreiters ihn hielten. Er schluckte hart.
»Was ist in der Truhe?« Der Scaintyst erhielt keine Antwort. Dann vernahm er die langsamen Schritte Dvoraks. Als dieser hinter der Trennwand vorkam, war jegliche Farbe aus seinem Gesicht gewichen, und er flüsterte mit belegter Stimme: »Das musst du selber sehen. Das ist scheußlich. Damit können wir das Mädchen ein Dutzend Mal auf dem Scheiterhaufen brennen sehen. Bei Burads Hässlichkeit, etwas Schlimmeres habe ich noch nie gesehen.«
Ruradal spürte ein heftiges Brennen und Ziehen in seinem Magen. Mit einem Mal konnte er den starken Gestank von Verwesung wahrnehmen, und er musste sich regelrecht überwinden, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Als er um die Trennwand ging, konnte er in der geöffneten Truhe viele verwesende Leichenteile in einer breiigen Masse aus Blut und Maden sehen. Der Gestank machte ihn schwindelig und Übelkeit verknotete ihm den Hals. Jedoch einen weitaus größeren Schrecken übte der halbverweste und entstellte Schädel einer Frau aus, der unter einem zerfressenen Arm hervorschaute. Sie mochte möglicherweise sechzig oder siebzig Jahre alt gewesen sein und viele Falten im Gesicht verrieten noch etwas von dem ehrfürchtigen Alter. Trotz der grauschwarzen Flecken der Verwesung konnte Ruradal vier tätowierte Punkte auf der Stirn erkennen – ein Zeichen der Priester und Kleriker des Gonda-Ordens. Dennoch war in diesem Moment selbst für hartgesottene Krieger wie Ruradal nichts so erschreckend wie die Tatsache, dass dieser Schädel eine gewisse Ähnlichkeit mit der angeklagten Schwarzmagierin hatte.

VIII
Auch Nytha hatte bereits viele schreckliche Dinge gesehen, als sie jedoch den verwesenden Leichnam ihrer Mutter zu sehen bekam, erlitt sie einen gewaltigen Schock. Sie machte einige Schritte zurück und drehte sich abrupt auf dem Absatz um. Ihre Flucht endete nach nur wenigen Schritten in den Armen Dvoraks, der sie aufhielt. Nytha würgte und keuchte, doch Dvorak, der befürchtete, sie wolle sich nur aus dem Staub machen, umklammerte ihre Arme und kämpfte gegen ihr wildes Zappeln an.
»Beruhigt Euch oder Ihr werdet beruhigt«, rief Ad Lintare laut.
Da übergab sich Nytha und entleerte ihren Magen über Dvorak, der zwar einen angewiderten Laut von sich gab, der wie ein Quieken klang, doch eisern ihre Handgelenke gepackt hielt.
Nytha wurde von einem Schwindel gepackt, der ihr die Kraft aus den Muskeln nahm. Sie sackte wie ein schwerer Sandsack hinunter, und als Dvorak bemerkte, wie kraftlos sie mit einem Male war, ließ er sie los. Das Mädchen fiel zu Boden und begann zu keuchen, als bereite es ihr Mühe, Luft zu bekommen.
Ruradal warf dem Inquisitor einen Blick zu. Ad Lintare starrte verbissen in die Richtung der Geschehnisse, doch es war seiner Mimik anzusehen, dass er das alles nur für ein Schauspiel hielt.
Nytha bekam indes kaum Luft und die Übelkeit setzte ihr dermaßen stark zu, dass sie noch immer würgte, auch wenn längst nichts mehr aus ihrem Magen kommen konnte. Es war ein großer Schock, dass der Leichnam in ihrer Unterkunft gefunden worden war. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war seit frühester Jugend stets gespannt oder schlicht und ergreifend schlecht gewesen. Dennoch hätte Nytha ihr nie den Tod gewünscht. Genau genommen hatte sie ihre Mutter das letzte Mal vor vielen Jahren in der Hauptstadt gesehen, wo diese an einem feierlichen Umzug des Gonda-Ordens teilgenommen hatte. Und jetzt war sie tot. Vor allem aber – sie war hier. Wie konnte das sein?
Dvorak packte Nytha an den Haaren, erbost über das Erbrochene auf seiner Rüstung, und zerrte sie auf die Beine. Dann versetzte er ihr drei Schläge ins Gesicht. »Dumme Sumpfhexe, Mörderin, spiel uns nichts vor!«, brüllte er ihr ins Ohr.
Für einen kurzen Moment kam Nytha zur Besinnung und wünschte sich nichts sehnlicher, als in die offenen Arme von Tyrlan fallen zu können. Der war allerdings nicht anwesend, so dass die Ohnmacht, welche nun folgte, sie wieder zu Boden sinken ließ.
Und in diesem dämmerigen Zustand hörte sie das leise Flüstern:
Kennst du meinen Namen, Nytha? Ich kenne den Deinigen; und ich werde ihn nutzen, so wie ich Millionen vor ihm genutzt habe und noch viele danach nutzen werde. Du bist. Doch bist du jung, und du wirst lernen wie schwer ein Name zu wiegen vermag. Du sollst wissen, wie mächtig ein Name macht. Und doch wirst du keine Macht ausüben. Denn dein Name ist der Erste und meiner ist der Letzte.

IX
Zhoebo und Bror versorgten die Pferde. Sie waren seit zwei Jahren in den Diensten der Inquisition und seit einigen Monaten dem Inquisitor Ad Lintare zugeteilt, was bei den beiden Männern, die seit frühester Jugend zusammen geritten und gekämpft hatten, nicht gerade Begeisterung hervorrief. Ad Lintare stellte sie seitdem nur auf Posten oder beauftragte sie, sich den Reittieren anzunehmen. Die angenehmen Arbeiten oblagen zumeist den anderen Bütteln, die schon länger in den Diensten des Inquisitors standen. Er hatte eindeutig seine Lieblinge, die er bevorzugte.
Somit war die Stimmung nicht gerade gut an diesem Abend, als es an der Küste windig wurde, ein dünner, flinker Nieselregen niederging und alles binnen Minuten durchnässt hatte. Zwar gab es Stallungen und Zhoebo und Bror hatten sich natürlich zu den Tieren gesellt, als der Regen begonnen hatte, jedoch mussten sie rasch feststellen, dass das morsche Dach das Wasser nur an bestimmten Stellen sammelte, um es dann durch seine vielen Löcher ins Innere fallen zu lassen.
»Verflucht, ich habe schon wieder einen Schwall abbekommen, und diesmal ist er mir auch noch genau in den Kragen gefallen«, rief Bror.
Zhoebo, dem die langen Haare bereits am Kopf klebten, kicherte. »Warum sollte es dir auch besser gehen als mir?«
»Ist denn in dieser vermaledeiten Hütte überhaupt kein trockener Flecken?«
»Ich werde mal weiter hinten nachsehen. Kommst du mit?«, fragte Zhoebo.
»Ach, verdammt, ehe ich hier verschimmle«, brummte Bror.
»Na, auf das bisschen Moder mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an«, bemerkte Zhoebo grinsend.
»Ach, hunz dich!«
»Das mache ich lieber mit deinem Mädchen, wenn ich wieder in Gribathan bin.«
Nun schlug Bror seinem Kumpan freundschaftlich in den Nacken.
»Mach dich nützlich und nimm die Fackel mit.« Zhoebo kniff die Augen zusammen, um in der Finsternis besser etwas erhaschen zu können. Es schien vergeblich.
Die beiden Ritter gingen an den vorderen Boxen und an der Sattelpritsche vorbei. Der hintere Teil der Stallung lag im Dunkeln und auf der linken Seite hob sich nur schwerlich eine Tür von der Schwärze ab. Dennoch konnte man sie wahrnehmen, denn von der Seeseite wurde der Wind durch ihre Ritzen und Schlitze getrieben. Er rüttelte an dem morschen Holz und schüttete Wasser dagegen. Und als die Krieger auf der Höhe der Tür waren, fuhr ein kräftiger Windstoß durch einen breiten Sprung im Holz, sprang an die Fackel und löschte das Feuer mit einem Streich. Die beiden Krieger warfen einander verwunderte Blicke zu.
»Ach, Dreck, das ist ein Wetter, um es in einem Bett mit einer Dirne zu verbringen und zu warten, bis der Anfall vorüber ist«, fluchte Bror und warf die Fackel ins nasse Heu vor der Tür. Als er sich umwandte, sah er, dass Zhoebo ihn musterte. »Was ist? Habe ich vielleicht Schuld, dass diese verdammte Fackel verloschen ist? Kann ich was dafür, dass dieser linkische Sturm durch diese brüchige Baracke saust? Warum zur Hölle und allen Dämonen starrst du mich an?«
»Ich warte, bis dein Anfall vorüber ist«, antwortete Zhoebo.
Einen Moment herrschte Stille zwischen den beiden Männern, dann lachten sie.
»Ich hole die Blendlaterne von den Pferden«, meinte Zhoebo schnaubend und ging wieder zurück in den vorderen Teil der Stallung.
»Ja, mach das«, gab Bror zurück, noch immer mit einem leisen Lachen in der Kehle.
Im vorderen Teil der Stallung flackerte noch eine zweite Fackel, die fauchte, wenn eine Windbö sie erfasste, und zischte, wenn Regentropfen in sie hineinfielen. Zhoebo erkannte aber doch in ihrem schwachen Licht, dass etwas mit den Pferden nicht stimmte.
Sie gaben keinen Laut von sich, nicht einmal ein Geräusch ihrer Hufen war zu hören, und das, obgleich sich die Tiere unruhig hin und her bewegten, gegen die Balken der Boxen traten und Anstalten machten, aufzusteigen. Zhoebo spürte eine unheimliche, nicht greifbare Gefahr. Sie war mit einem Schlag da und vollkommen unbestimmbar.
»Bror!«, rief der Ritter und zog sein Schwert, als er Zeuge eines grausamen Schauspiels wurde. Die Körper der Tiere begannen zu verschrumpeln. Sie schrumpften ein wenig in ihrer Größe und Fell fiel von der Haut ab, welche Falten zu werfen und widerwärtig zu zittern begonnen hatte.
Zhoebo bemerkte nicht, dass Bror neben ihm auftauchte und ebenfalls erschrocken verharrte.
Ohne ersichtlichen Grund schienen die Tiere von innen auszutrocknen. Bald erstarben ihre Bewegungen und erstarrte ihr Leben, bis sich nur noch eine dünne, lederne Pergamenthaut über ihr Skelett spannte. Das Schauspiel war ebenso unerwartet beendet, wie es zuvor begonnen. Achtzehn wertvolle Streitrösser waren binnen Sekunden vor den Augen von Bror und Zhoebo ohne ersichtlichen Grund mumifiziert. Das Grauen war still und leise und, ohne großes Aufsehen zu erregen, nähergetreten. Und das Schlimmste daran war, dass weder der rohe Bror noch der gelahrte Zhoebo je von solchen Geschehnissen gehört oder sie selbst gesehen hatten.
»Die Hexe, sie muss hier sein. Oder einer ihrer Dämonen ...«, wisperte Zhoebo. »Kannst du etwas sehen oder spüren?«
»Verflucht, nein. Aber die Pferde ... was ist passiert? Was geschieht hier?«
»Ich weiß es nicht«, gab Zhoebo zurück. Beide Männer waren verunsichert. Sie spürten eine angespannte Furcht, und je länger sie in der Dunkelheit etwas zu erkennen suchten, umso verschlossener und gefährlicher erschien sie ihnen. Dennoch gewahrten sie die Anwesenheit eines Lebewesens.
Und es war wie der langsame Schnitt einer Klinge aus Eis, als ein Flüstern in ihren Köpfen erklang.
Kennt ihr meinen Namen? Ich aber kenne die Euren.

X
Ein dünner Faden ihres Blutes rann aus ihrem rechten Mundwinkel. Nythas rechte Schulter ragte aus der zerrissenen Seite ihres Gewandes.
Seit sie vor einigen Minuten aus der angenehmen Ohnmacht erwacht war, hatte man ihr mit harten Schlägen ins Gesicht und in ihre Seite unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass man nun bereit war, jedwedes Mittel zur Findung der Wahrheit einzusetzen.
Nytha spürte ihre Rippen schmerzen. Außerdem fühlte sie ein heißes Pochen in ihrer Wange und unter dem Auge. Die Haut spannte durch eine Schwellung. Ihre Arme waren an den Handgelenken auf dem Rücken festgebunden, und dabei hatte man die Knoten so fest gemacht, dass kaum mehr Blut in die Finger gelangen konnte. Langsam erstarb das Gefühl in den Händen und wich einem tauben Ziehen.
Jetzt packte Dvorak ihren Haarschopf und zerrte ihr Gesicht an den Haare wieder dicht vor das seine. »Das war doch deine Mutter, oder etwa nicht? Antworte. Wir haben Mittel um dich zum Sprechen zu bewegen.« Er schien sich inzwischen grob von seiner Verunreinigung durch Nytha befreit zu haben. Aber er stank noch immer danach.
»Ashgar. Schweigt, Mann.« Ad Lintare starrte Dvorak an und es lag wenig Strenge in seinem Blick.
Der Scaintyst verkniff die Lippen, bis sie ganz im Mund verschwunden waren, und entließ Nythas Kopf aus seinem brutalen Griff. »Du Metze schreckst mich nicht mit deinen Zaubern.«
Ad Lintare schob Dvorak beiseite, bevor er sich wieder in Fahrt bringen konnte. Dabei lächelte er milde wie ein Vater, der seinen Sohn davon abhalten musste, eine Missetat zu begehen, die er selbst in seiner Jugend begangen.
»Hör mir zu, Ungetüm der Nacht, erleichtere dein Gewissen und reinige deine Seele, indem du uns von deinen Verbrechen erzählst.« Der Inquisitor sprach langsam und deutlich, als fürchte er, dass mit Nythas Versehrtheit auch ihre Aufmerksamkeit gelitten habe.
Nytha aber war nur in Gedanken. All diese seltsamen Geschehnisse verwirrten sie. Zunächst hatte man sie an einem vollkommen unbekannten und noch dazu entlegenen Ort aufgespürt, ausgerechnet zu einer Zeit in der sie einen Kontakt zu einem Geist oder Dämon hergestellt hatte, der zu böswilligen Spielen zu neigen schien. Dann tauchte auch noch Tyrlan wieder in ihrem Leben auf, und selbst wenn das noch ein Zufall gewesen sein mochte, verstand sie nicht, welchen Sinn der Leichnam ihrer Mutter hatte. Sie bezweifelte, dass die Inquisition es nötig hatte, eine hochrangige Klerikerin zu töten, nur um deren Tochter der Hexerei anklagen zu können. Es gab genügend belastendes Material in diesen Mauern.
»Nun?«, erinnerte Ad Lintare noch einmal an seine Forderung.
»Ihr könnt mir vieles vorwerfen. Ihr könnt mich anklagen, Magie zu benutzen, die Ihr nicht für gut befindet. Ihr könnt mich anklagen, von Früchten des Lebens zu kosten, denen Ihr für Euren Glauben offiziell entsagt habt. Aber Ihr könnt mich nicht für den Tod meiner Mutter anklagen. Damit habe ich nichts zu tun. Ja, ich weiß nicht einmal wie ihr Leichnam hierher gekommen ist«, sagte Nytha und wunderte sich, dass man sie so etwas sagen ließ.
Einen Moment lang herrschte Stille. Ad Lintare warf ihr abschätzende Blicke zu, während Dvorak wütend und gehässig, Ruradal verunsichert und zwei weitere Scaintysten verbissen dreinschauten. Genau für solche Augenblicke eines Lebens, dachte Nytha, bekam man für gewöhnlich Glauben geschenkt.
»Ashgar, du hast meine Erlaubnis, Mellolo zu holen«, sagte Ad Lintare, atmete tief durch und verschränkte seine Arme hinter dem Rücken. Dvorak gehorchte.
Nun wusste Nytha auf einmal, dass man sie nun mit Folter zu einem weitaus ergiebigeren Geständnis bringen würde, auch wenn sie diesen Mellolo nicht kannte. Sie wusste, dass man ihr mit Daumenschrauben und Brandeisen zu Leibe rücken und mit Hilfe von Klistieren kochenden Weihwassers die Körperöffnungen ausspülen würde, damit sie innerlich rein genug war, um dem Feuer, das ihren Körper reinigen und ihre Seele der göttlichen Wahrheit näherbringen sollte, überlassen zu werden. Sie kannte alle Methoden der Folterknechte, um Gefügigkeit, Gesprächigkeit und abschließend das Schweigen hervorzubringen.
Dvorak lächelte grimmig und verließ den Raum.
»Nytha Tigan, du wirst nun der reinigenden und erleichternden Folter der heiligen Inquisition ausgesetzt«, sagte Ad Lintare stoisch.
Ein Zittern der Panik durchlief ihren Körper. Nytha verspürte Angst, die begann wie toll ihre Kehle zu würgen. Tränen lösten sich aus ihren glasigen Augen und selbst das Schluchzen entrang sich ihr, ohne dass sie es hätte verhindern oder hemmen können.
»Was wollt ihr denn hören, ihr Schweine? Ich habe doch alles gestanden, und wenn ihr wollt, dass ich lüge und den Mord an meiner Mutter gestehe, den ich nicht begangen habe, dann werde ich auch das tun. Ich bin doch geständig«, rief Nytha mit klirrender Stimme. Verzweiflung und Todesangst schüttelten sie.
»Die Dämonen und Geister, die du Zeit deines Lebens beschworen hast, haben dich innerlich verschmutzt, und treiben dich zur Lüge und Blasphemie. Es mag sein, dass du deine Worte für die Wahrheit hältst, doch das beweist um so mehr, wie angesteckt du vom Keim des Bösen bist. Deine rohe Magie hat dich des klaren Verstandes beraubt und es ist unsere Aufgabe, dich ...«
»Nein, nein, ihr Bastarde, ihr wollt mich nur abschlachten. Ich habe meine Mutter nicht getötet«, kreischte Nytha itzt, woraufhin sich ihre Stimme überschlug. Tränenerstickt schluckte sie den Schmerz und die Reue, die sie zugleich ärgerte, hinunter.
»Wir werden dich reinigen«, gab Ad Lintare nüchtern zurück.

XI
»Was ist nur los mit dir, Tyrlan? Seit wir auf dem Weg hierher waren, hast du kaum mehr als vier Worte gesprochen. Auch wenn ganze Sätze nie deine Stärke gewesen sind, so hast du aber wesentlich weniger betrübt ausgesehen.« Chengeb griente martialisch.
»Mach keine Witze«, sagte Tyrlan, der auf einem Stuhl saß und mit einem Messer, das er auf einem Tisch hatte liegen sehen, begonnen hatte, sich den Dreck aus dem Profil seiner Stiefel zu stechen.
»Mann, vielleicht kriegen wir heute Abend noch ein Vorstellung von der Kleinen zu sehen, sie hatte ... hatte, na ja«, Chengeb hielt die geöffneten Hände vor seine Brünne, um die Größe weiblicher Brüste zu veranschaulichen, »nun, auf jeden Fall reichlich.«
»Das hat sie in der Tat«, gab Tyrlan zurück und hielt mit seiner Tätigkeit inne, um mit seinen Gedanken in die Ferne zu entrücken.
»Sag mal, das hört sich fast an, als hättest du bereits Hand angelegt«, empörte sich Chengeb und lachte dabei dreckig.
Tyrlan warf seinem Freund einen kurzen aber scharfen Blick zu, um sich dann wieder dem Reinigen seiner Stiefel zu widmen.
Crah, ein Titan von einem Mann, hatte bisher nur schweigsam zugehört, doch nun tauschte er Blicke mit Chengeb aus.
In diesem Moment betrat Dvorak den kärglich eingerichteten Raum.
»Habt ihr Mellolo gesehen?«, wollte er wissen und sah sich im Raum um, als vermute er, der Folterknecht könne sich in einer Ecke des Raumes zu verbergen suchen.
»Geht es endlich los? Habt ihr die Mörderin so weit?«, fragte Crah sachlich.
»Wisst ihr, wo er ist?«, wich Dvorak aus.
»Ich glaube bei den anderen. Die sind alle in den Vorratsräumen im Keller«, antwortete Chengeb, ließ dabei aber keinen Blick von Tyrlan, der durch Dvoraks Frage zwar beunruhigt zu sein schien, aber sich dennoch bei seiner Tätigkeit nicht im Geringsten stören ließ.
Dvorak brummte nur und ging wieder.
»Jetzt raus mit der Sprache, Tyrlan, was ist los?«, begann Chengeb von neuem.
»Ich weiß nicht, was du meinst«, gab Tyrlan schroff zurück.
»Kennst du das Mädchen?«
Tyrlan verharrte wieder, warf das Messer verächtlich auf den Tisch zurück und ließ sich schlaff an die Lehne seines Stuhls fallen.
»Klar kennt er das Mädchen, ich werde verrückt«, meinte Crah verblüfft und richtet sich zu voller Größe auf.
»Das ist ja unglaublich. Woher kennst du sie?« Chengeb wurde laut und schaute fassungslos zu seinem Mitstreiter.
»Seid ruhig, ihr Tölpel«, rief Tyrlan, sprang auf, fuhr zur Tür und warf sie zu.
»Ich werde verrückt«, wiederholte Crah.
»Weißt du, was das bedeutet?«, wurde Chengeb wieder laut.
»Ja, dass ich bald mit unter Mellolos Messer muss, wenn ihr nicht ruhig werdet. Scheiße, ja, ich weiß, was das heißt. Ein Scaintyst und eine Angeklagte ...«
»Eine Zauberin der verbotenen Künste ...«, ergänzte Chengeb.
»Das ist sie nicht«, warf Tyrlan ein, stemmte seine Hände in die Hüften und schaute zu Boden.
»Dann wäre sie immer noch eine Mörderin.«
»Ich werde verrückt«, führte Crah fort und lehnte sich wieder an die Wand, an der er schon zuvor gelehnt hatte.
»Das ist nicht sicher«, stellte Tyrlan jammernd klar.
»Beim Primus Nudai, du liebst dieses Mädchen!« Chengeb verlor die Fassung vollkommen und sein Gesichtsausdruck verriet nur noch Sorge.
»Nein!«, fuhr Tyrlan seinen Freund an. »Nein, nicht mehr. Das war einmal.« Tyrlan wandte sich wieder ab und seine Stimme wurde leise. »Das war vor langer Zeit. Und es ist vorbei. Aber ich räume ein, dass sie mir noch etwas bedeutet. Und ich kenne sie; sie ist dickköpfig, zu ehrgeizig und verblendet, aber sie kann niemanden töten.«
»Tyrlan, hör mir auf. Die Leiche in der Kiste dieses Mädchens sah mir sehr nach ihrer Mutter aus«, gab Chengeb zu Bedenken.
»Ja, das war sie. Aber ich kann nicht glauben, dass Nytha sie umgebracht hat.«
»Du kanntest ihre Mutter? Beim Primus, wie lange seid ihr zusammen gewesen? – Ach, ich will es gar nicht wissen. Tyrlan, wenn du herausposaunst, dass du an ihre Unschuld glaubst, wirst du wie sie enden, das ist sicher.«
»Hattet ihr nie das Gefühl, dass unser Handeln falsch sein könnte und wir es sind, die das Falsche glauben?« Tyrlans Stimme klang zerbrechlich.
»Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Grundsatzdiskussionen.«
»Ich weiß.«
»Gut. Junge, Mann, reiß dich zusammen und kühl deinen Kopf draußen ab. Das ist, glaube ich, besser so. Ich sehe dir an, dass du sonst nur Dummheiten machst.« Chengeb nickte Tyrlan bei diesen Worten aufmunternd zu und klopfte ihm auf die Schulter.
»Aber ich kann doch nicht still wegschauen, wenn ich weiß, das ihr sie töten werdet.« Tyrlans Stimme klang verbittert.
»Was willst du tun? Du kennst den Ausgang dieser Anhörungen. Du kannst das nicht ändern, ohne dein eigenes Leben in Gefahr zu bringen, was rede ich, es wegzuwerfen. Ad Lintare wird nicht zögern dich mit ihr hinzurichten. Und du wirst viel mehr zu erleiden haben als sie.« Chengeb erwartete erneut Widerworte, doch Tyrlan schwieg. »Also, du gehst jetzt ein bisschen an den Klippen spazieren und wenn alles vorüber ist, sind wir schon wieder auf dem Rückweg. Vergiss, das sie hier war und dass wir diese Unterredung geführt haben, klar?«
Noch bevor Tyrlan nicken konnte, wurde die Tür zum Zimmer geöffnet und Dvorak streckte seinen Kopf durch den Spalt hinein. »Ihr seid ja immer noch hier. Wollt ihr nicht kommen und zusehen? Die Kleine ist jetzt dran.«
Chengeb sah, wie Tyrlan schwer schluckte. Er war mit einem Male kalkweiß im Gesicht. Er klopfte ihm auf die Schulter und verließ mit Crah das Zimmer.
Tyrlan drehte sich um und atmete schwer und tief ein und aus, doch er schaffte es nicht, gegen die aufsteigende Übelkeit anzukämpfen. Er machte einen stolpernden Satz an eine Wand und übergab sich. Zum allerersten Male in seinem Leben begann er zu weinen. Und obgleich es ihm neu und befremdlich erschien, so hatte er doch das Gefühl, etwas Alltägliches zu tun.

XII
Nytha war über den Küchentisch gebunden worden. An die Fesseln hatte man schwere Gewichte gehängt. Der dünne Stoff ihres Gewandes klebte an ihrem verrenkten Körper und zeichnete die Formen ihres Körpers nach. An vielen Stellen hatte der Schweiß dunkle Stellen gebildet.
Die Küche schien der ideale Raum für das Ritual der heiligen Folter.
Der Folterknecht Mellolo war ein gut aussehender, sehr ruhig wirkender Mann in den Vierzigern. Er hatte einen stählernen, sehnigen Körper. Doch Nytha hatte seine Augen gesehen und gewusst, dass dieser Mensch eher einem Raubtier glich. Seine Augen waren wild und böse. Mellolo war ein Sadist, für den sicher Nächstenliebe das befremdlichste war, was ihm je zu Ohren gekommen sein mochte.
Während Mellolo auf einer Arbeitsplatte seine Folterutensilien ausbreitete, entfachte ein Scaintyst das Feuer im Kamin. Im Raum schienen alle Ritter versammelt zu sein, die der Inquisitor mit sich führte. Die Erniedrigung war bereits Bestandteil der Prozedur und daher zählte Nytha nicht weniger als fünfzehn Männer. Alle stierten mit gierigen Blicken.
Tyrlan jedoch fehlte.
Nytha schloss die Augen. Ihre Gelenke schmerzten vom Zug der Gewichte. Und dieser Schmerz löste eine kurze Gelassenheit aus, in der sie fähig war, sich zu fragen, ob sie einen Spruch weben und etwas dadurch gewinnen konnte.
Sie beherrschte nicht viele Sprüche. In der Vergangenheit hatte sie sich auf Beschwörungen und Zeremonien spezialisiert, so dass sie jetzt kaum Möglichkeiten zur Verteidigung sah. Zudem wusste sie, dass alle Inquisitoren mit geweihten Amuletten und Schutzzaubern ihrer Gottheit gewappnet waren und die im Ruf standen, jeden Zauber abwehren zu können. Man erachtete aber den magischen Angriff des Angeklagten stets als Schuldgeständnis und folterte den Delinquenten daraufhin noch schlimmer. Und auch, wenn sie im Angesicht der Folter ohnehin bereit war, alles auf eine Karte zu setzen und wenigstens einige Ritter mit in den Tod zu reißen, so fiel ihr aber auch kein geeigneter Spruch mehr vollständig ein. Ihre Konzentration war dahin.
Mellolo griff nach einem Messer und schaute dann gelassen zum Inquisitor.
Ad Lintare genoss sichtlich die herrschende Spannung und die Aufmerksamkeit, die man ihm schenkte. Nach einigen Minuten begann er: »Der große und allmächtige Gott Primus Nudai mahnt uns zur Vorsicht im Umgang mit den Kreaturen, die den Glauben und das Göttliche verleugnen und verunglimpfen. Jede Gnade, die man gegenüber diesen Missetätern walten lässt, ist reine Zeitverschwendung. Sie gäbe ihnen lediglich die Gelegenheit, eine Unzahl neuer Verbrechen zu begehen, die nicht geschehen könnten, wenn man sie gleich töten würde. Und den Tod haben sie verdient, selbst wenn sie keines anderen Verbrechens überführt werden können. Denn es ist unabdinglich, die Strafe der Schwere des Verbrechens anzupassen.«
Der Inquisitor legte eine Pause ein, in der Mellolo sich aufgefordert sah, zu beginnen. Er trennte die Arme und Seiten von Nythas Gewand auf.
Nytha schloss die Augen, denn sie wollte sich die gierigen Blicke der Ritter ersparen.
»Nytha Tigan«, begann Ad Lintare erneut, »obgleich wir zu der Überzeugung gelangt sind, dass die heilige Inquisition unseres Ordens nicht zu Unrecht die Befürchtung hegte, du seiest den verbotenen Künsten anheimgefallen und frevelst nach wie vor den Göttern, so fanden wir in diesen Mauern weitere schwerwiegende Beweise für deine Schuld an einigen Toden. Opfergaben lebender Wesen weisen nur allzu deutlich darauf hin, dass du mit Dämonen paktierst und daher viel schlimmere Verbrechen begangen haben magst. Aufgabe dieser Anhörung soll es daher sein, Male der Besessenheit zu finden, Geständnissen habhaft zu werden und dich abschließend zu reinigen und deine Seele der Gnade des Primus Nudai zu überantworten.«
Mellolo hatte Nythas Gewand nun überall aufgetrennt und mit einem heftigen Riss an einer Seite, legte er sein Opfer bloß. Dann nahm er eine silberne Nadel von der Länge einer Männerhand und schickte sich an sie in Nythas Körper zu stechen, um eine Stelle zu finden, die nicht blutete. Das war ein sehr wichtiges Indiz für Besessenheit...