Fenster der Seele

Leseprobe: Fenster der Seele

Die Augen starrten sie aus der Dunkelheit an. Gestaltlose kalte Augen, die seelenloser nicht hätten sein können. Fröstelnd zog sie die Schultern zusammen. Sie fühlte sich beobachtet. Verfolgt. Schon seit Tagen. Nein, Wochen. War sie tatsächlich verrückt, wie die Ärzte behaupteten? War sie schizophren? Sah sie Dinge, Wesen, die es, außer in ihrer krankhaften Einbildung, nicht gab?
Aber die Augen waren da.
Definitiv.
Sie sah sie.
Die Pupillen, den Wimpernschlag. Es waren Augen eines Lebewesens aus Fleisch und Blut.
Keine Produkte ihrer überspannten Phantasie.

Chiara stieß einen gequälten Laut aus – heftiger, als sie beabsichtigt hatte. Die Tür der ehemaligen Jugendstilvilla öffnete sich, und die Gestalt eines Pflegers wurde sichtbar. Chiara wusste, sie war ihm schutzlos ausgeliefert. Die Nadel der Injektionsspritze würde wieder in ihr Fleisch fahren,. ihr die Dosis Beruhigungsmittel verabreichen, die ihren Geist benebelte und ihn lahm legte. Doch Chiara hatte dazugelernt. Sie würde sich nicht wehren. Nein, sie würde dem Pfleger duldsam wie ein Lamm in ihr Zimmer folgen. Abwarten, bis von draußen der Riegel vorgeschoben und der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde. Und dann gehörte sie wieder sich. Sich ganz allein.
Allein?
»Na, Mädchen, hast du einen Spaziergang gemacht?«.
Chiara hasste es, wenn er sie so nannte. Das hatte etwas Abwertendes. Sie war 36 Jahre alt und alles andere als ein Mädchen. Sie war eine Frau, die mitten im Leben stand. Bis ... ja, bis zu dem Tag, als ihr die Katze das erste Mal begegnete. Das Tier hatte nichts Besonderes an sich, nichts Klischeehaftes. Das Fell glänzte weder lackschwarz, noch schimmerten die Augen smaragdgrün. Auch der Gang der Katze war alles andere als federnd. Sie wirkte nicht sonderlich elegant. Mehr noch, sie bewegte sich irgendwie hölzern. Etwas an ihr war falsch.
So wie etwas in Chiara plötzlich seit dieser Begegnung falsch war. Sie fröstelte und dachte an den Moment, als die Katze um ihre nackten Beine strich. Wie sie zurückgezuckt war – vor der Berührung und vor dem Tier.
Katzen hatte Chiara noch nie gemocht. Sie waren uneinschätzbare Wesen. Unberechenbar und somit gefährlich. In ihrer Art. Ihrem Charakter. Ihrem Tun. Aber diese hier war ihr noch unheimlicher. Besonders ihre Augen. Diese Augen, die ihr sonderbar bekannt vorkamen.
Chiara stöhnte.
Der Druck in ihrem Kopf nahm wieder zu. Daran hatte auch die Schlaftablette, die sie bereitwillig genommen hatte, nichts geändert. Dabei hätte sie sich nichts mehr gewünscht, als endlich einmal schlafen zu können. Tief und traumlos. Vor allem letzteres. Aber auch das war ihr nicht mehr vergönnt. Seit ... seit dem Tag, an dem die Katze sie auserkoren hatte.

*

Chiara kannte das dumpfe Geräusch, das die Pfoten verursachten, wenn sie auf dem Fenstersims landeten. Sie kam, wie jede Nacht. Um Chiara mit in die Dunkelheit zu ziehen. Doch das wollte sie nicht. Ihr Geist wehrte sich. Es war zwecklos – das wusste sie. Sie spürte die geistigen Fühler, die sich hinter ihre Stirn tasteten und ihr Bewusstsein übernahmen und stieß einen Laut aus, der an ein zufriedenes Schnurren erinnerte. Sie streckte ihren Körper und glitt mit einer geschmeidigen Bewegung aus dem Bett; war wenig später auf dem Fenstersims und zwängte ihren schlanken Körper mühelos durch die Gitterstäbe vor dem geöffneten Fenster. Gemeinsam huschten sie durch die Schwärze der Nacht. Bis an den Gebäudeteil der Forschungsabteilung.
Dort sah sie ihn. Den Mann, den sie am meisten von allen hier verabscheute. Der sie besonders gequält hatte. Und sie wusste, dass nun ihre Zeit gekommen war. Die Zeit der Vergeltung.
Er sah sie nicht.
Hörte sie nicht. Seit sie es vermochte, sich lautlos zu bewegen.
Spürte sie nicht einmal.
Dafür fühlte sie, wie ihre Krallen ausfuhren. Sich in tödliche Dolche verwandelten, die sich in seine Halsschlagader senkten, als sie mit einem beinahe zärtlichen Satz auf seinen Nacken sprang. Es erfüllte sie mir Befriedigung und stillte einen winzigen Teil ihrer Rachsucht zu sehen, wie mit jedem Blutstropfen, der ihr entgegenpulsierte, sein Lebenswille schwand. Ja, dachte sie, winde dich nur. Kämpfe um dein erbärmliches Leben. Es wird dir nichts nutzen. Sieh in meine Augen. Diese Augen. Kennst du sie? Erkennst du mich? Ja, nun wirst du bleich. Du weißt, wer ich bin. Und warum du sterben musst. Du musst nun büßen. Für das, was du mir angetan hast. Du und deine Helfershelfer.

*

Der schrille Alarmton weckte Chiara. Wilder Aufruhr tobte auf den Fluren der Klinik. Das Signal hatte etwas stetig Pulsierendes. Wie Blut, das aus einer Ader schoss.
Wie kam sie auf den Vergleich?
Wann verstummte der Alarm endlich?
Chiara ballte die Fäuste und presste sie erst gegen die Ohren, dann vor den Mund. Ihre Hände waren klebrig. Rochen merkwürdig süß. Sie leckte daran, so lange, bis ihre Hände wieder völlig gesäubert waren. Ihre Zunge fuhr immer und immer wieder über ihre Handrücken und in die Zwischenräume ihrer Finger.
Der Alarmton auf den Fluren verstummte – abrupt als habe eine Axt die Stromleitungen gekappt.
Die Stille war wohltuend, besonders für Chiaras empfindliches Gehör. Hohe, schrille Töne waren Folter für sie. Das war nicht immer so gewesen. In ihrem früheren Leben, das sie ihr erstes nannte. Es kostete sie Anstrengung, sich daran zu erinnern. Nur Erinnerungsfetzen blitzten ab und an hinter ihrer Stirn auf. Viel tiefer hatten sich die Sonden, Injektionsnadeln und Skalpelle in ihr Gedächtnis gefressen. All die Folterinstrumente moderner Medizin, mit denen sie traktiert worden war. Bis aus ihr das wurde, was sie jetzt war.
Chiara drehte den Kopf zur Tür.
Es lag etwas in der Luft. Nicht greifbar. Kein Laut. Aber dennoch – Gefahr. Der Umriss eines Mannes erschien vor ihrem geistigen Auge. Er war ihr nicht wohlgesonnen. Er würde hinter ihr Geheimnis kommen.
Kopfschüttelnd fuhr sie sich mit dem Handrücken über die Augen. Waren das wieder die Medikamente, die ihren Geist verwirrten? Oder die Realität verzerrten?
Die Tür wurde geöffnet. Ein Mann betrat das Zimmer. Er war kein Pfleger. Chiara fuhr auf. Er war der fleischgewordene Umriss, den sie eben noch imaginär gesehen hatte.
»Mein Name ist Färber. Hauptkommissar Färber.« Er zog seine Dienstmarke und hielt sie ihr hin. Sie zuckte zurück, als habe er sie geschlagen. Sie mochte ihn nicht. Er roch männlich intensiv. Und scharf.
Färber wiederum war fasziniert von der Schönheit der Frau, die ihm gegenüberstand. Sie war von schlankem Wuchs und hatte ein fein geschnittenes Gesicht mit hohen Wangenknochen. Das Hervorstechende jedoch waren ihre Augen. Färber hatte einmal ein Buch über Katzen gelesen, deren Augen die Fenster der Seele sein sollten. Er wusste nicht, warum er ausgerechnet in dem Moment daran dachte, als ihn der Blick traf.
Aber er erinnerte sich daran.
Die Augen blitzten ihn kalt wie Eisbergsplitter an. Sherryfarben und von ungeheurer Leuchtkraft, in denen etwas Geheimnisvolles, Fremdartiges glomm. Etwas, das ihn anzog – aber auch nachhaltig warnte.
»Was kann ich für Sie tun, Hauptkommissar Färber«, sagte die Frau mit einer Stimme, die im krassen Gegensatz zu ihren kühlen Augen stand. Diese Stimme war warm, einlullend und erotisch.
Färber machte eine abwehrende Geste. Er wollte sich nicht von dieser Frau beeindrucken lasen. Schließlich kannte er ihre Krankenakte. Er hatte zuvor einen Blick hineingeworfen. Sie litt unter Schizophrenie, auch wenn sie nicht den Anschein erweckte. Das war das Tückische daran.
Färber sah sich in dem Zimmer um. Es war so steril wie eine Zelle. Unterschied sich nicht wesentlich von den Unterkünften der Untersuchungshäftlinge, mit denen er oft das zweifelhafte Vergnügen hatte. Aber genau genommen war sie auch eine Gefangene. Eine Gefangene ihrer selbst.
»Haben Sie heute Nacht etwas Verdächtiges gehört?«, wollte er wissen.
»Ist etwas passiert?«, fragte sie teilnahmslos. Es war eine rein rhetorische Frage. Das merkte man ihr an. Das sah man in ihren Augen.
»Professor Morgenstern wurde heute Nacht ermordet.«
Chiara stieß einen abfälligen Laut aus. Seinem Namen war diese Bestie in Menschengestalt nicht gerecht geworden. Er gab nicht so viel Hoffnung wie jeder neue Morgen. Und funkelte nicht so strahlend wie die Sterne am Firmament.
Färbers Miene verfinsterte sich zusehends. Er zog die Brauen zusammen und musterte die Frau misstrauisch. Doch zwei Atemzüge später schalt er sich einen Narren. Sie konnte ihrem behandelnden Arzt gegenüber nicht freundlich gestimmt sein. Immerhin hatte sie es ihm zu verdanken, dass sie in dieser Privatklinik ihr Dasein fristen musste.
Chiara warf ihm einen abschätzenden Blick zu. Eisige Verachtung sprach daraus. Er ist gefährlich, hämmerte es hinter ihrer Stirn.
»Der Tod des Professors scheint Ihnen nicht sonderlich nahezugehen«, sagte Färber wie beiläufig.
Und traf damit voll ins Schwarze.
Ruckartig warf sie den Kopf zurück und stieß ein schrilles Lachen aus. Färber fühlte ein Frösteln in seinem Nacken. Der Laut hatte nichts Menschliches.
Ihr Lachen ging in ein hysterisches Kreischen über, das noch animalischer klang. Ihre Hände zuckten vor. Fuhren durch die Luft, als ob sie ihn – als mögliches Opfer – austaxierte. Gleich zustoßen würde. »Sie können sich nicht vorstellen, was in dieser Klink vorgeht!«, stieß sie gellend hervor.
Färber wich einen Schritt zurück.
Die Tür flog auf.
Zwei Pfleger stürmten in den Raum, nahmen Chiara mit geübten Griffen in die Mitte und hielten ihre Arme fest. Was sie noch mehr in Rage versetze. Sie versuchte, mit beiden Füßen nach den Pflegern zu treten. Eine Schwester eilte herbei. Zog im Laufen eine Spritze mit dem Beruhigungsmittel auf, das Chiara gleichermaßen liebte und hasste. Und nur wenige Minuten später verstummte ihr Kreischen.

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