Ausschnitt aus: "Angst" von David Grashoff

Leseprobe: Ausschnitt aus: "Angst" von David Grashoff

, die; -, Ängste; in Angst, in Ängsten sein; Angst haben; jmdm. Angst machen: mir ist, wird angst . Gefühl des Bedrohtseins, Ausgeliefertseins, starke Unruhe, große Sorge.

„Wenn es möglich wäre, bei Lebzeiten zu wissen, was nach dem Tode mit uns geschieht, würde niemand Angst vor dem Tode haben.“
Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden

Feuchte Hände und ein rasendes Herz, das dir das Gefühl gibt, jeden Augenblick aus deiner Brust springen zu wollen.
Dann beginnst du dir einzureden, dass du schlechter Luft bekommst. Das hat zur Folge, dass du schneller atmest und hyperventilierst. Dadurch wird dir schwindelig und du bildest dir ein, dass du gerade an einem Herzinfarkt oder einem Asthmaanfall krepierst. An besonders guten Tagen gesellt sich noch das Gefühl dazu, dass du neben dir stehst oder der plötzliche Zwang wegzulaufen, als wärst du ein Zulu-Krieger und stündest vor einer hungrigen Löwin.
„Mein Name ist Tristan Becker, und ich habe panische Angst davor zu sterben.“
Die Blicke haften an mir, wie diese Garfield-Puppen an den Scheiben von Familienwagen. Um seine Angst zu bekämpfen, muss man sie erst kennen lernen. Neunmalkluge Sprüche von neunmalklügeren Therapeuten.
„Ich bin siebenunddreißig Jahre alt. Wenn ich Glück habe, ist das jetzt Halbzeit. Doch es macht mich fertig, darüber nachzudenken. Mir meine eigene Sterblichkeit vor Augen zu führen.“
Gruppenpsychotherapie. Vor anderen über seine Ängste zu sprechen, soll befreiend wirken. Die Ideale Ergänzung zu den Einzelsitzungen beim Seelenklempner. Lauter Angstpsychosen auf dreißig Quadratmeter zusammengepfercht, bei Kaffee und Kuchen. Das hat etwas von einer Butterfahrt, von einer Verkaufsveranstaltung für Wärmedecken, bei der die Teilnehmer aber keine Toupetträger sind, sondern psychische Wracks, deren Leben sich um ein Gefühl dreht, das dafür verantwortlich ist, dass es die Menschheit überhaupt noch gibt. Gäbe es keine Angst, wären die Urmenschen gar nicht dazu gekommen, sich zu etwas angeblich Zivilisiertem zu entwickeln.
Hier in diesem Unterrichtsraum der Volkshochschule Düsseldorf findet man nun den Bodensatz der Angstpsychosen. Begleitet von einem Therapeuten mit dem vertrauenerweckenden Namen Professor Doktor Haarmann.
„Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir. Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck, aus den Därmen macht er Würste und den Rest, den schmeißt er weg.“
Flug- oder Höhenangst sucht man in dieser achtköpfigen Gruppe vergebens, denn hier landet nur, wer auch richtig einen an der Angst-Klatsche hat.
Zum Beispiel Niklas, 22 Jahre.
Seit er als Jugendlicher seine Eltern beim Gruppensex im heimischen Wohnzimmer erwischt hat, bekommt er schon beim Gedanken an Geschlechtsverkehr schweißnasse Hände.
Das Bild seines Vaters mit erigiertem Schwanz, seiner Mutter beim Oral-Verkehr, hat seine Synapsen dermaßen durchgebrannt, dass er nicht in der Lage ist eine Beziehung mit einer Frau einzugehen, aus lauter Angst davor, es könne zu Intimitäten kommen.
„Schon als Jugendlicher litt ich unter Angstzuständen. Immer, wenn mir wieder mal klar wurde, dass meine Zeit begrenzt ist, überkamen mich Panikwellen. Damals waren sie noch nicht so schlimm. Es war mehr wie ein Aufwallen, das aber gleich wieder verschwand.“
Nihat, ein Typ mit einem Schnauzer wie die Stoßstange eines Busses, fürchtet sich vor dem Sonnenlicht. Er arbeitet als Nachtwächter und verlässt das Haus nur, wenn es dunkel ist. Er lebt wie ein Vampir, hat alle Fenster seiner Wohnung mit lichtdichter Farbe angestrichen und ist fest davon überzeugt, dass die UV-Strahlen der Sonne ihn verbrennen würden, sollte er ihnen ausgesetzt sein.
Und ich dachte, ich wäre ein Spinner.
„Je älter ich wurde, desto schlimmer wurden die Panikattacken. Inzwischen sind sie so schlimm, dass ich einen Psychiater aufgesucht habe.“
Ich schweige und erhalte betroffenes Schweigen als Antwort. Meine Angst spiegelt sich in den Augen der anderen Psychotiker.
„Besonders schlimm ist es, wenn ich nachts wach im Bett liege. Obwohl ich es nicht will und Angst vor der Angst habe, gehen meine Gedanken oftmals in eine unerwünschte Richtung. Dann, wenn mir wieder einmal klar wird, dass ich irgendwann sterben werde, dass ich irgendwann nicht mehr bin, dann krallt sich die Angst an mir fest und lässt mich erst dann wieder los, wenn ich in meinem Zimmer hin und her laufe und mir versichere, dass ich nicht sterben werde.“
Angst frisst Seele auf.

*

Ich rauche nicht. Ich trinke in Maßen. Ich treibe viel Sport und gehe regelmäßig zu den Vorsorgeterminen beim Arzt. Obwohl ich weiß, dass ich dem Tod damit nicht von der Sense springen kann, tue ich alles, um meinen Termin bei dem guten Mann soweit wie möglich nach hinten zu verschieben. Es ist nicht einfach mit der Angst zu leben. Aber ich habe mich arrangiert. Diazepam und Citalopram sind meine Freunde. Erlauben mir, ein einigermaßen normales Leben zu führen. Erfolg im Beruf, ein teures Auto, eine Penthouse-Wohnung mit Blick auf den Rhein. Das alles wäre ohne die Wirkung meiner weißen und gelben Helferlein nicht möglich.
Es ist Heilig Abend und der rot-weiße Wahn hat die Stadt fest im Griff. Weihnachten ist nicht mein Ding. Zimt und Lebkuchen mag ich genauso wenig, wie Klöße und Rotkohl, aber ich mache gute Miene zum bösen Spiel, während ich inmitten der Verwandtschaft sitze. Der bittere Geruch des Rotkrauts vermischt sich mit dem Standard-Kernseifen-Duft der Wohnung meiner Mutter. Wie jedes Jahr hat sie den Platz an ihrer Seite frei gelassen. Dort, wo vor fünf Jahren noch mein Vater gesessen hat.
Fibrosarkome. Eine seltene Hautkrebsform, die das Bindegewebe der Haut angreift. Stark metastasierend.
Fünfundfünfzig ist mein Vater geworden, dann innerhalb von wenigen Monaten hat es ihn dahingerafft.
Die Erinnerung schmerzt in doppelter Hinsicht.
Der Tod eines Menschen, der einen sein Leben lang begleitet hat. Ein Spiegelbild der eigenen Sterblichkeit.
Spiegel.
Die Beerdigung meines Vaters vor fünf Jahren. Der Tag als die Angst das Ruder meines Lebens übernahm.
Ich sah in den Spiegel und fragte mich, wie lange ich wohl noch zu leben habe. Erste graue Haare, erste Falten, erste Zeichen von Verfall. Die Augen gerötet, die Trauer ins Gesicht geschrieben. Durch die Milchglas besetzte Toilettentüre drang das stumpfe Geklapper von Geschirr, drangen gedämpfte Stimmen, drang der Geruch des Leichenschmauses.
Mir drehte sich der Magen, und ich stützte mich am Waschtisch ab.
Todesgedanken. Angst vor der Dunkelheit, Angst vor dem Nichts. Sie packte mich mit eisernem Griff, drückte mir die Luft aus den Lungen, flutete mein Gehirn mit Adrenalin, mit Cortisol, mit Noradrenalin. Depersonalisation. Der Gedanke an Flucht. Das Verlangen, mir selbst immer wieder zu sagen, dass ich lebe, dass ich nicht sterben werde.
Die Panik ging, ein Schuldgefühl blieb. Das schlechte Gewissen dafür, dass ich mir hauptsächlich um meinetwillen Sorgen machte, während vor einer Stunde ein mir nahestehender Mensch unter die Erde gebracht worden war.
Ich spülte mir Wasser ins Gesicht, wusch mir die Hände – doch das Gewissen lässt sich nicht mit Wasser reinigen.
Ich fragte mich, wer wohl als Nächstes dran sei?
Meine Großeltern? Meine Eltern? Eine Tante? Ein Onkel? Ich?
Das große Sterben hatte begonnen.
Der leere Stuhl spült die Gefühle wieder hoch. Spült das Gefühl wieder hoch. Ich atme einige Male tief ein und aus.
Citalopram auf Wein.
Der Abend zieht an mir vorbei, wie ein Traum, in dem ich lächle und im richtigen Augenblick nicke.
„Tristan, wird es nicht langsam Zeit für dich eine Frau fürs Leben zu finden und deiner Mutter Enkelkinder zu bescheren?“
Ich führe bereits eine gut funktionierende Beziehung mit meiner Angst. Da ist kein Platz für eine Frau. Zumindest nicht für längere Zeit. Es lebe der One-Night-Stand.
Ich bringe die Bescherung hinter mich und schiebe die Arbeit vor, damit ich verschwinden kann.
„Du solltest mal die Arbeit hintenanstellen, Schatz. Du siehst schon ziemlich ungesund aus. Gönne dir mal eine Auszeit, mein Sohn.“
Müdes Lächeln und das Versprechen ein wenig kürzer zu treten. Umarmung. Kuss. Wieder ein Weihnachtsfest geschafft.

*

Der Bus ist so leer wie mein Kopf. Alle sind bei ihren Lieben, nur ich fahre um zehn Uhr schon nach Hause. Das Auto habe ich stehen gelassen, weil ich gerne darauf verzichte – so bedröhnt wie ich jetzt bin –, mich um einen Laternenpfahl zu wickeln.
Die Wirkung meines gelben Freundes lässt nach und die Welt gewinnt an Schärfe.
Der Bus hält und die vordere Tür öffnet sich mit einem Seufzen. Ein Mädchen steigt ein, ihr Gesicht ist ein weißer Klecks auf Karbonpapier. Früher hat man so etwas Grufti genannt, heute sind es Gothics oder Emos. Ziemlich affig. Was ich erst für ein Teen gehalten habe, entpuppt sich auf den zweiten Blick als eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig. Sie lächelt mich an und entblößt dabei ein Piercing zwischen ihren beiden mittleren Schneidezähnen.
Sie hat Augen, so groß wie die einer japanischen Zeichentrickfigur und von so hellem Blau, das man gar nicht anders kann, als sie anzustarren. Darin zu versinken, wie in einem Tauchgebiet auf den Seychellen.
Das Citalopram scheint immer noch in meiner Blutbahn für Ruhe zu sorgen, denn ich habe kurzzeitig das Gefühl, dass mein ganzer Körper taub wird.
Das Mädchen setzt sich genau auf den Platz vor mir. Eigentlich hätte ich erwartet, dass mir jetzt der Grabesgeruch von Patchouli in die Nase steigt, aber sie riecht nach Vanille.
Ihr hochgestecktes Haar ist schwarz wie eine Kohlengrube, und ich ertappe mich bei der Frage, ob das Natur oder Farbe ist. Wie den Friedhofsgeruch, so vermisse ich auch die archetypische blonde Strähne, eine Modeerscheinung, die aus „normalen“ jungen Menschen, Stinktiere auf zwei Beinen macht.
Wie eine Mücke vom Licht, wird mein Blick von dem Blaulicht eines vorbeirasenden Polizeiwagens angezogen.
Ein befreundeter Bulle hat mir mal erzählt, dass an Weihnachten die Straftaten innerhalb der Familien schlagartig zunehmen. Meist unter Alkohol gehen sich Onkel und Cousins, Großväter und Vetter gegenseitig an die Gurgel. Habe ich beinahe Verständnis für. Vielleicht sollte die Weihnachtsgebäckindustrie mal darüber nachdenken Citalopram in ihre Produkte zu mischen.
„Na, hast du auch nichts Besseres zu tun als an Heilig Abend mit dem Bus durch die Gegend zu kurven?“
Eine Stimme wie türkisches Honiggebäck. Das Mädchen hat sich umgedreht, die Arme auf der Lehne des Sitzes verschränkt und darauf ihren Kopf gelegt. Ihr Lächeln hat etwas Unverschämtes, eine ansteckende Wirkung, die mich dazu bringt, es zu erwidern.
„Ich habe gerade schon meine Pflicht hinter mich gebracht. Das hier ist sozusagen die Kür“, antworte ich. Mein Versuch witzig zu sein, wird mit einem Zwinkern von ihr quittiert.
„Und was ist mit dir?“, frage ich.
„Meine Eltern sind tot. Andere Verwandte habe ich nicht“, antwortete sie, lächelt dabei aber immer noch, als würde sie gleich versuchen mir ein Abonnement der TV-Spielfilm anzudrehen.
„Oh, das tut mir leid.“
„Kein Ding, ist schon eine Ewigkeit her.“
Ein Augenblick vergeht, in dem wir beide schweigend aus dem Fenster starren.
„Ich heiße übrigens Sofia“, sagt sie und streckt mir ihre Hand entgegen.
„Ich bin Tristan. Ist mir ein Vergnügen.“
Ihre Hand fühlt sich an wie Porzellan – kühl und glatt.
Dann zwinkert sie wieder und sagt: „Jetzt, wo wir uns ein bisschen besser kennen, hättest du vielleicht Lust mich zu ficken?“

*

„Eine ziemlich beeindruckende Wohnung hast du da“, sagt Sofia, während sie vom Panoramafenster aus auf den Rhein schaut. „Muss ziemlich teuer sein. Was machst du denn so?“
Ich reiche ihr ein Glas Wein und nippe an meinem Wasser. „Wie sagt man so schön: Ich mache in Immobilien. Ziemlich stressiger Job, aber man kann gut davon leben. Und womit verdienst du dir dein Lebensunterhalt?“
Sie lächelt und sagt: „Ich lasse mich von wohlhabenden Männern ficken und räume anschließend ihre Wohnung leer.“
Beim Anblick meines verdutzten Gesichtsausdrucks zwinkert sie neckisch.
„Nein, keine Angst. Ich bin Autorin. Ich schreibe erotische Vampirgeschichten. So ein Zeug für pubertierende Mädchen und gelangweilte Hausfrauen. Ist keine große Literatur, aber es sichert meine Miete, und es ist sogar ein gelegentlicher Urlaub in Transsylvanien drin.“
Wir lachen und nähern uns aneinander.
Einen Augenblick lang überkommen mich Zweifel. Sie ist so gar nicht der Typ Frau, der mich normalerweise anspricht. Doch als sie mit ihren Fingern über meine Wange streicht, verfliegen alle Vorbehalte und machen Platz für die Geilheit.
Klingt vielleicht unromantisch, aber so ist es nun mal. Liebe ist Einbildung. Nicht viel mehr als eine chemische Reaktion unseres Körpers, die das Überleben der menschlichen Rasse sichern soll. Genau wie die Angst.
Dopamin. Endorphin. Cortisol. Adrenalin. Das sind die Stoffe aus denen die Liebe gemacht ist.
Ich lege meine Hand um ihren Nacken, ziehe sie behutsam zu mir und flüstere in ihr Ohr: „Ich weiß nicht, was du mit mir gemacht hast, aber ich werde bald explodieren, wenn ich nicht gleich erfahre, wie du schmeckst.“
Unser Lippen treffen aufeinander.
Eine erste sanfte Berührung, die nach und nach immer wilder wird, bis unsere Zungen einen ekstatischen Tanz aufführen. Ich knabbere an ihrer Unterlippe, während meine rechte Hand in die Schwärze ihrer Haarpracht verschwindet.
Wie ein Tornado wirbelt das Gefühl der Lust meine Gedanken durcheinander. Beinahe wie ein tierischer Trieb, der mich dazu antreibt, Sofia zu liebkosen, als sei es das Letzte, was ich in meinem Leben mache. So etwas starkes, habe ich bisher noch nie gespürt. Sogar meine Panikattacken wirken dagegen wie die Berührung mit einer Feder.
Ich lasse meine Zunge um ihr Piercing kreisen und spüre, wie sich ihre Lippen zu einem Lächeln formen.
Sanft schiebt mich Sofia von sich weg.
„Ich habe da unten noch mehr davon“, sagt sie, und der kokette Ton in ihrer Stimme lässt den Pegel meines Verlangens um eine weitere Stufe steigen.
Mit zitternden Händen knöpfe ich ihr schwarzes Hemd auf, muss das Gesicht in ihrem Vanilleduft vergraben, wie ein weinendes Kind im Schoß seiner Mutter. Ihre Haut ist so weiß, so jungfräulich, so rein, dass der bloße Anblick mir schon fast den Verstand raubt. Einen BH trägt sie nicht und ihre apfelgroßen Brüste sehen mich erwartungsvoll aus gepiercten Brustwarzen an. Um ihren Nabel herum leuchtet eine Schwarze Sonne, dessen Strahlen sich tentakelgleich auf ihren Bauch schlängeln...

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