GD 1 - Kriecher / Peter Schünemann, LITERRA

altKriecher, Peter Schünemann, LITERRA

Den dritten Teil des De Joco ...-Zyklus, „Tetelestai!“ (zu deutsch so viel wie „Es ist vollbracht!“) hatte ich bereits vor dem ersten gelesen und rezensiert; was gar nicht einmal schlecht war, da die Bände ohnehin nicht so eng verbunden sind wie zum Beispiel die Teile von „Der Herr der Ringe“ – und weil der dritte die Vorgeschichte des ersten erzählt. Also war ich auf einiges gefasst und schon eingeweiht in das Schicksal des „Anti-Helden“ Kriecher, der aus irregeleitetem Zorn seine Geliebte Menona ermordet und den die Göttin Medoreigtulb zu einem ihrer Geschöpfe macht, zu einem Pechstrenger – allerdings einem der besonderen Art. Zwar ist Kriecher ein schattenhaftes Wesen und ein Mörder, aber er ist auch noch ein Mann, kann sich erinnern, kann sprechen, leiden und aufbegehren, auch gegen seine Göttin, die er gleichwohl nicht lassen kann.
Hier nun erfahren wir in 5 Novellen aus Alastors „Geisterdrache-Zyklus“, wie Kriecher sich entwickelt: von einem halb wahnsinnigen Geschöpf in der Gosse zum Fürsten einer unabhängigen Stadt, die allen Verfolgten Zuflucht gewährt; von einem Verzweifelten zu einem Anti-Helden, dem wir unsere Sympathie nicht versagen können, weil er an sich und der Welt unsäglich leidet. Er ist einem grausamen „Scherz“ des Daseins ausgeliefert, dem Leben als etwas, das nicht Mensch und nicht Unhold, nicht gut und nicht böse, nicht tot und nicht lebendig ist. „De Joco Suae Moechae“ bedeutet denn auch so viel wie „Über den Witz seiner Geliebten“, wobei offen bleibt, ob die so grausam Scherzende Menona ist oder die geliebte Göttin; was im Grunde aber gleich gilt, denn oft denkt oder phantasiert Kriecher die beiden Gestalten in eine.
Zu den fünf Novellen gesellen sich Prolog, Epilog, das Alastor-Charakteristikum „Meine letzten Worte über ...“ und vier Interludien, in denen wir etwas über das Schicksal des jungen Soldaten Apalind Quai erfahren, das sich mit dem von Kriecher verzahnt und der im Späteren noch eine Rolle spielen mag. Das Wesentliche des Buches sind jedoch die Novellen: „Nahrung des Daseins“ erzählt von Kriechers und Medoreigtulbs erster Begegnung und seinem ersten Auftrag als „Schächer“; „Kummerstrang“ berichtet, wie in einem verfallenen Bauernhaus eine Reise-gesell-schaft fast gänzlich von einem schwarzen Schatten ausgelöscht wird; „Nimm hin die letzte Umarmung“ führt Kriecher zurück an den Ort seiner Kindheit; „Erstgeborene der Nacht“ lässt ihn zwischen die Fronten geraten – seine Göttin und ihr Heer gegen eine mächtige Zyklopen-Hexe und deren Truppen; „Und aus Engeln baut Straßen“ (genialer Titel!) bringt uns in die Stadt Innocenz, die er als Fürst regiert – dort begegnet ihm die Elfenkönigin Gvynlane Keridwen, die mit dem Rest ihres Volkes vor Medoreigtulb auf der Flucht ist.
Alle diese Geschichten sind nicht nur spannend und bewegend erzählt, sie heben sich aus der Masse der Fantasy auch dreifach ab: zum einen durch ihren ungewöhnlichen Helden, ein tief zerrissenes, leidendes Geschöpf; zum anderen durch den Umstand, dass es eben kein „Happy-end“ gibt, mehr noch: dass der Sinn des Lebens selbst in Frage gestellt wird und unter der Personage des Textes weder „Gute“ noch „Böse“ auszumachen sind; zum dritten aber durch Marc-Alastors ungewöhnliche Sprache, die Eigenwilliges, teilweise auch Sperriges durchaus nicht scheut. Man muss hier langsam lesen, das ist keine Literatur für zwischendurch - und das kann der Autor ruhig als Kompliment betrachten. Ein ungewöhnliches Fantasy-Talent!

Kriecher. Dunkle Erzählungen aus dem Spectre Dragon-Zyklus, ©? by BLITZ-Verlag GmbH 2004, 236 S., € 9,95