Leseprobe: Calvin & Mick auf der Suche nach der entführten Dilara!


London, August 2006, Park Lane
Calvin blickte sich in dem Kaminzimmer um und blieb an der Kissenlandschaft hängen, in der Dilara und er immer bevorzugt saßen. Oder lagen, dachte er wehmütig und erinnerte sich an so manchen Moment, in dem sie sich dort geliebt hatten.
Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn.
Wie immer, wenn er von Dilara getrennt war. Aber dieses Mal war es anders – viel intensiver. Dilara war der Umklammerung ihrer Besinnungslosigkeit entwichen. Er spürte, daß es der Gefährtin sehr schlecht ging. Die telepathische Verbindung war von ihrer Seite sehr schwach, und er vermutete, daß sie weitestgehend ihrer Kräfte beraubt worden war.
Die Türglocke schlug an, und er beeilte sich, zu öffnen.
„Hey!“ Micks Grinsen hatte etwas Beruhigendes. Der junge Cop mit dem herzförmigen Pony und den bronzefarbenen Augen wirkte wie immer kraftvoll, als berge er ein schier unerschöpfliches Energiepotential in sich. Und so war es wohl auch. Besonders, weil er zwei spezielle Nahrungen zu sich nahm: Blut und Menschenfleisch.
Calvin vermutete, daß sich Mick vor der Abreise auf diese Art und Weise gekräftigt hatte. Als die beiden Männer im Kaminzimmer saßen, konnte Calvin die Frage, die ihm schon seit seiner Ankunft aus Wales auf der Seele brannte, nicht länger zurückhalten.
„Ich muß mir dir reden, Mick.“
„Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Es liegt ein schwerer Weg vor uns.“
„Nicht darüber.“
„Nanü!“ gab Mick erstaunt von sich. „Worüber dann?“
„Hm! Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll.“
„Keine lange Vorrede, komm einfach zum Kern“, riet Mick, und sein jungenhaftes Grinsen erreichte auch seine Augen. Calvin hatte noch nie einen wärmeren Ton darin gesehen. Ihn beschlich das Gefühl, daß der Voodoovampir ahnte, worüber er mit ihm sprechen wollte. Als er immer noch nicht wußte, wo er ansetzen sollte, bestätigten Micks Worte seine Vermutung. „Du willst mit mir darüber sprechen, daß ich hin und wieder Menschenfleisch zu mir nehme.“
Calvin war baff, was sein Gesichtsausdruck deutlich zeigte. Mick warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. „Du müßtest mal dein Gesicht sehen. Der Ausdruck ist kaum zu überbieten!“
„Na ja, das ist schon ziemlich heavy, das mußt du zugeben!“ verteidigte sich der Freund.
Wieder erscholl Micks Lachen, noch eine Spur lauter. „Du bist gut, das sagt mir einer, der andere regelmäßig zur Ader läßt und dessen Ahnen...“ Er brach ab.
„Du weißt...?“ stammelte Calvin mit weit aufgerissenen Augen.
„Wir sind wesensgleich. Das habe ich vom ersten Moment an gespürt. Wenngleich ich dich immer noch nicht richtig zuordnen kann, Calvin Percy Vale. Ich weiß nur eines: Du bist etwas ganz Besonderes.“ Grinsend setzte er hinzu: „Das hat auch schon eine gewisse Vampirin erkannt.“
Über Calvins Gesicht huschte ein Schatten, als die Sprache auf Dilara kam. „Was meintest du damit, daß wir wesensgleich sind?“
Geschickt wich Mick einer direkten Antwort aus und kam mit einer Gegenfrage: „Worüber wolltest du mit mir reden?“
„Ich habe in Wales erfahren müssen, daß meine Ahnen dem Kannibalismus nachgegangen sind.“
Micks Gewieher schien auszuufern. „Hahahaaa... ich kann nicht mehr. Mußt du dich immer so gestelzt ausdrücken?“
In den Heiterkeitsausbruch stimmte der Vampir nicht ein, sondern blieb gewohnt ernst. „Ich kann wohl nicht anders“, meinte er.
Mick boxte ihn so heftig in die Seite, daß Calvin beinahe die Luft wegblieb. „Das stimmt nicht, du vergißt, daß mir hin und wieder deine kleinen Scherzchen zuteil wurden. Auch wenn du – zugegebenermaßen – damit recht sparsam bist. Dich belastet es, daß deine Vorfahren kannibalisch veranlagt waren, richtig? Aber warum? Du trinkst auch das Blut von Menschen.“
„Ich esse sie aber nicht auf...wie ein... wie ein... Sorry, ich wollte dir nicht zu nahe treten.“
Der Voodoovampir-Cop zuckte nicht mit der Wimper. „I wo!“ sagte er leicht dahin. „Das kannst du nicht, denn ich esse Menschenfleisch, um mich am Leben zu erhalten...“ Er zögerte, als glaube er selbst nicht so recht an das, was er soeben geäußert hatte. „Und aus rituellen Gründen. Wenn wir unsere fernöstliche Mission überstanden haben, wird es Zeit, daß ich dir mehr über mich erzähle. Zum besseren Verständnis. Und du wirst feststellen, daß wir sehr viel gemein haben.“
Calvin stand von seinem Sessel auf. „Das habe ich auch im Gefühl. Aber nun sollten wir keine weitere Zeit verschwenden. Asien wartet!“
„Ja“, knurrte Mick. „Asien, Dilara und Khan. Letzterer wird sich noch einmal wünschen, niemals unsere Kreise gekreuzt zu haben!“

*

London, August 2006, in den Katakomben der St. Paul’s Cathedral

„Habt ihr eure Reisevorbereitungen getroffen?“ Guardians Stimme klang kalt und gefühllos, doch Calvin und Mick spürten deutlich, wie sehr ihn Dilaras Entführung mitnahm.
Calvin nickte stumm, und so sah sich Mick genötigt, das Gespräch zu bestreiten. „Wir sind reisefertig.“ Sein Gesichtsausdruck wurde grimmig. „Und sitzen morgen bereits im Flugzeug nach Shanghai. Ich gebe zu, ich bin nicht unbedingt ein begeisterter Flugreisender.“ Er vergrub beide Hände in den Taschen seiner engen schwarzen Jeans und begann auf und ab zu gehen, wobei ihm Calvin allzugerne Gesellschaft leistete. Er schien ohnehin ein Nervenbündel zu sein, seit Dilara von seiner Seite gerissen worden war.
Guardian lachte kurz humorvoll auf. „Bitte, könnt ihr euch für einige Minuten zusammenreißen und setzen? Ihr macht mich nervös.“ Er deutete mit einer knappen Bewegung auf die beiden Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen.
Wie so oft in der jüngsten Vergangenheit stellte Calvin fest, daß niemand so sehr in die bibliophile Welt dieses steinernen Refugiums paßte wie der Wächter. Als habe Antediluvian alles für Guardians Zeit vorbereitet. Er vertrieb die Gedanken. Sein Leben hatte eine extreme Wende vollzogen, seit ihm Dilara den Kuß aufgehaucht hatte. Aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, so sehnte er sich nicht nach seinem alten, sterblichen Dasein zurück. Besonders, seit er in Wales gewesen war und feststellen mußte, daß es mehr als fraglich war, ob er aus einem normalen Sproß stammte.
Ohne Dilara konnte er nicht mehr sein. Auch wenn sie schwerer als eine Grotte voller Fledermäuse zu hüten war, sich ständig selbst in Gefahr brachte oder wie jetzt gewaltsam aus seiner Nähe gerissen wurde.
Sein dunkles Herz zog sich zusammen bei dem Gedanken, daß sie womöglich Schaden nehmen würde. Der Schattenkelch, dachte er, wird er uns schützen? Wird er Dilara unverwundbar machen? Solange wir einig sind, sinnierte er. Doch sind wir das? Was ist mit Luna?
„Ihr seid also die Vorhut“, drang Guardians Stimme in Calvins Gedanken. „Sobald ihr Näheres in Erfahrung gebracht habt, werde ich euch folgen, wenn es erforderlich ist. Denn zuvor gilt es noch, die Drachennester in London auszuräuchern.“ Ein ungewohnt grausamer Klang war in seiner Stimme, der verriet, wie sehr auch er von Dilaras Entführung betroffen war. Er blickte die beiden Männer, die kerzengerade vor ihm saßen, mit seinen hellblauen Augen an. „Ihr wißt, ich muß auch besondere Vorsorge zum Schutz des Kelches tragen.“
„Wer wird dich im Falle des Falles hier vertreten?“ fragte Mick.
„Das ist eine sehr gute Frage, über die ich nachzudenken habe.“ Guardian machte eine müde Handbewegung. „Wir leben in Zeiten, in denen man noch nicht einmal seinem eigenen Reißzahn trauen kann“, grinste er freudlos und flüchtig.
Mick riß die Augen auf. „Was war das?“ fragte er amüsiert, für Sekunden flackerte seine unbeschwerte Art auf. „Ein Scherz aus dem Munde des Wächters?“ Er klopfte sich auf die Oberschenkel. „Daß ich das noch erleben darf!“
Calvin zischte unmutig. Es war nicht an der Zeit zu scherzen. Micks Grinsen verschwand und machte einem schuldbewußten Gesichtsausdruck Platz. „Sorry!“ brummelte er.
Der langhaarige Vampir nickte ernst und erhob sich. „Laß uns gehen, Mick.“ Er beugte sich zu Guardian über die Schreibtischplatte, die derzeit so dicht mit Papierbergen und Büchern belegt war, daß man kaum noch etwas von dem Holz sehen konnte. „Wir halten Kontakt über Luna. Sie ist technisch am besten ausgerüstet“, sagte er unterschwellig vorwurfsvoll. Es behagte ihm nicht, sich von Luna Sangue abhängig zu machen, zumal er ihr immer noch mißtraute. Da sich aber Guardian nach wie vor strikt weigerte, sich technischen Errungenschaften zu erschließen, war das der einzige Weg der schnellen Kontaktaufnahme.
„Luna wird es nicht wagen, ihr eigenes Süppchen zu kochen!“ meldete sich Mick wieder zu Wort und stand ebenfalls auf. „Sie ist viel zu machtgierig und weiß, daß sie ohne uns nicht die Magie des Schattenkelches nutzen kann.“
Guardians Blick wurde tiefgründig. „Vergiß nicht – wir ohne sie auch nicht!“ Er verschränkte die Hände wie zum Gebet. „Und nun wünsche ich euch, daß ihr erfolgreich seid. Auf der Suche nach dem Drachen und der, die uns allen besonders am Herzen liegt -– Dilara.“

*

Shanghai, August 2006, Pudong
Dilara schleuderte den leblosen kleinen Tierkadaver angeekelt von sich, wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen, als könne sie damit das eben Erlebte ungeschehen machen. Noch nie hatte sie sich so schlecht gefühlt. So entehrt. Und immer noch war sie entkräftet. Ihr Peiniger hatte ihr gerade so viel Nahrung zugebilligt, um sie bei Sinnen zu halten, aber nicht genug, um sie richtig zu kräftigen. Sie spürte, daß ihr Gegner eine wirkliche Gefahr darstellte.
Als habe er ihre Gedanken erraten, hörte sie wieder sein spöttisches und triumphierendes Lachen. Dieses Mal jedoch nicht aus den versteckten Lautsprechern, sondern direkt aus dem Zimmer, das in dunkleres Licht getaucht worden war, als habe jemand einen Dimmer betätigt.
Sie hatte das Gefühl, als würde sie von einer unsichtbaren Macht an das seidige Laken des Bettes, auf das sie wieder gesunken war, gepreßt und gefesselt. Sie hob den Kopf um herauszufinden, woher das Lachen kam.
Vor allem, wer den Raum betreten hatte, damit sie endlich wußte, mit wem sie es zu tun hatte.
Eine hagere Gestalt mit stolzem aufrechtem Gang schritt in weichen, fließenden Bewegungen durch das Zimmer und blieb in moderater Entfernung zu ihr stehen. Er war mit einem schlichten, schmucklosen, schwarzen Anzug gekleidet, der einen fernöstlichen hohen Kragen besaß. Seine Hände waren feingliedrig, beinahe sensibel und lang.
Als Dilaras Blick nach oben wanderte, schrie sie vor Enttäuschung leise auf. Der Unbekannte hatte sein Gesicht hinter einer schwarzen Maske verborgen.
Er quittierte ihre Reaktion mit weiterem Gelächter, das sie allmählich wütend machte. „Zeig dich, du Feigling!“ stieß sie hervor. „Warum verbirgst du dein Gesicht hinter einer Maske?“
„Das ist Teil des Spiels!“ erwiderte er ruhig.
Und wieder wunderte sie sich über den unterschwellig angenehmen Klang seiner Stimme, der so gar nicht zu alledem, was sie ihr bisher offenbart hatte, paßte.
„Ich gebe dir gleich Spiel!“ fauchte sie und brachte, trotz ihrer unsichtbaren Fesseln, ihren Oberkörper ein wenig in die Höhe. Sie stütze sich auf die Unterarme und sah den Maskierten mit blitzenden Augen an. „Und wenn schon, dann fair play! Also, löse meine unsichtbaren Fesseln, damit ich dir offen gegenübertreten kann.“
Der Maskierte lachte kurz und abfällig. „Netter Versuch!“ und winkte ab, als langweile ihn das Gespräch. All der Haß, der ihr entgegendrang, und den er aus jeder Pore seines Körper freizulassen schien, durchfuhr sie und ließ sie erneut auf das Laken zurücksinken.
Dann drehte er sich um und zischte im Gehen eine letzte Warnung: „Hüte dich, so rate ich dir. Niemand legt sich ungestraft mit dem Drachen an!“